Vor 100 Jahren: Sieben Hunde im Fundbüro abgegeben, ein Huhn zugeflogen - passiver Widerstand wächst

0 18.01.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die in der damals weit verbreiteten Essener Volkszeitung erschienen.

Hauptbahnhof weiter gesperrt

Das Straßenbild am Freitag ist das gewöhnliche. Die Nacht ist ruhig und ohne Störung verlaufen. Eine Änderung im Bilde der Stadt bringen die französischen Uniformen an den Hauptplätzen der Stadt. Der Bahnhofsvorplatz und die Haupteingänge zum Bahnhof sind immer noch gesperrt. Französische Soldaten und deutsche Schutzpolizei führen gemeinsam die Sperrmaßnahmen durch, wobei sie soweit sich das eben machen lässt, voneinander möglichst wenig Notiz nehmen. In Essen sind etwa 4-5000 Mann untergebracht, die zum größten Teil in den Außenbezirken der Stadt Quartier bezogen haben. (Essener Volkszeitung, 12. Januar 1923)

Reichsbahn macht Gemüse teuer

Wie sehr die Inflation die Grundnahrungsmittel verteuert, macht folgender Artikel deutlich: Der Verein Essener Obst-, Gemüse- und Südfrüchtegroßhändler schreibt uns: Des öfteren hört man, dass die Tarifpolitik unserer Eisenbahn jedes zuverlässige Maß überschreitet, und dass sie oft mehr ausmachen, als selbst der Wert der Ware beträgt, die befördert worden ist. 300 Zentner Zwiebel von Calbe nach Essen (397 Kilometer) kosteten im Januar 1922 4575 Mark, für dasselbe Quantum ist jetzt eine Fracht von 721 865 Mark zu zahlen. (Essener Volkszeitung, 12. Januar 1923)

"Zur Beachtung bei Einquartierungen" teilt die Essener Volkszeitung mit: Das Städtische Besatzungsamt macht darauf aufmerksam, dass bei Einquartierungen die Quartiergeber nicht verpflichtet sind, den einquartierten Militär- und Zivilpersonen irgendwelche Verpflegung zu gewähren. (EVZ, 12. Januar 1923)

Reichskanzler sagt Hilfe zu

Reichskanzler Cuno hat an die Stadt folgendes Telegramm gerichtet: Der Bürgerschaft Essens sagt die Reichsregierung für durch sie übermittelte, von heißer Vaterlandsliebe getragene Kundgebung der Anhänglichkeit und Opferfreudigkeit wärmsten Dank. Wie das schwergeprüfte Essen in unerschütterlicher Treue zu Volk und Reich halten will, so wird die Reichsregierung alles im Bereich des Möglichen liegende tun, um das harte Los der Essener Bevölkerung zu mildern. (Essener Volkszeitung, Sonntag, 12. Januar 1923)

Machtprobe

Der Reichskohlenkommissar hat unter dem 13. d. M mit Rücksicht auf den französischen und belgischen Einbruch ins Ruhrgebiet ausdrücklich die Lieferung von Kohlen und Koks an Frankreich und Belgien telegraphisch verboten. - Darauf erklärte der stellvetretende Vorsitzende der Ingenieurkommission, dass nunmehr militärischer Befehl ergehen würde, die Lieferung wieder aufzunehmen. Der Sprecher der rhein.-westf. Industrie, Fritz Thyssen, entgegnete, dass die Industrie nur den deutschen Gesetzen unterworfen sei. (Essener Volkszeitung, 14. Januar 1923)

Passiver Widerstand

Über "Die Stimmung im Ruhrgebiet" schreibt die EVZ am 18. Januar 1923: Alles ist auf Biegen oder Brechen gestellt. Die Regierung ist unnachgiebig in ihrer Forderung, dass erst die Besetzung zurückzuziehen ist, bevor sie mit Frankreich verhandelt, und niemals hat eine solche Einheitsfront zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft bestanden, wie sie in der Ablehnung des Diktats des Generals Degoutte in die Erscheinung getreten ist. (Es) kann gesagt werden, dass die Industriellen, die Direktoren und Ingenieure es auf jede Gefahr hin ablehnen, entgegen den Befehlen der deutschen Regierung, der sie Gehorsam schulden, irgendetwas zu unternehmen, anzuordnen oder zu unterlassen. Sie würden sich nach ihrer Auffassung des Landesverrats schuldig machen, wenn sie den Anordnungen fremder Zivil- oder Militärstellen Folge leisten.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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