Vor 100 Jahren: Plünderungen, Zechenstilllegungen, Massenentlassungen

0 26.10.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Überall Massen-Entlassungen

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Mittwoch, 24. Oktober 1923. Angesichts der ungeheuren Geldentwertung gestaltet sich vor allem die Erwerbslosenfrage außerordentlich ernst, umso mehr, als die Zahl der Arbeitslosen von Tag zu Tag sich vergrößert. In Essen gibt es zur Zeit etwa 24.000 Erwerbslose.

Die kleineren Werke und die Handwerksbetriebe entlassen fast restlos ihre Arbeiter, die großen Werke wie Krupp und Goldschmidt versuchen bis auf weiteres ihre Arbeiter in Kurzarbeit zu beschäftigen. Wie verlautet, sollen bei der Firma Krupp in dieser Woche 2 Feierschichten eingelegt werden, jedoch nur für Ledige. Diejenigen, die noch keine 10 Jahre bei der Firma beschäftigt sind, sollen zur Entlassung kommen. Außerdem soll beabsichtigt sein, die 50-Jährigen zu pensionieren.

Auch im Bergbau stehen umfangreiche Entlassungen bevor. Die kleineren Stollenbetriebe liegen bereits still. Die Zechenverwaltungen haben sich ferner wegen Geldmangels außerstande erklärt, die Versorgung ihrer Arbeiter mit Kartoffeln durchzuführen.

Leider besserte sich auch die Lage im Eisenbahnverkehr nur wenig. Nach wie vor herrscht völlige Unklarheit darüber, wie weit die Regie (Eisenbahn der Besatzer – die Red.) den Verkehr aufzunehmen und die Wiedereinstellung der deutschen Eisenbahner durchzuführen beabsichtigt. In Essen wurde das angeforderte Zugpersonal wieder zurückgeschickt mit dem Bescheid, dass vorläufig keine Arbeit vorhanden sei.




Telefonieren wieder möglich    

EAZ, 24. Oktober 1923. Der Ortsverkehr mit den betriebsfähigen Anschlussleitungen (etwa 2000) ist Dienstag Vormittag 11 Uhr wieder aufgenommen worden. Der Bezirks- und Fernverkehr kann vorläufig noch nicht aufgenommen werden. Die Anschlüsse, die dem öffentlichen Verkehr und der öffentlichen Sicherheit dienen, ferner die Fernsprechanschlüsse der Lebensmittelhändler können vorzugsweise wieder instand gesetzt werden.

Zechen werden stillgelegt

EAZ, Donnerstag, 25. Oktober 1923. Es ist gestern mitgeteilt worden, dass die Belegschaften restlos der Erwerbslosenfürsorge angegliedert werden. Es bleibt lediglich ein ganz kleiner Teil in Arbeit, der zur Sicherheit der Betriebe verwendet wird. Alle übrigen werden entlassen, auch die Angestellten. Die Zechen, die für Holland liefern, halten ihren Betrieb wahrscheinlich aufrecht, doch ist eine Entscheidung darüber noch nicht gefallen, und zwar hauptsächlich deswegen noch nicht, weil die Verhandlungen mit der Regie über die Bestellung von Lokomotiven und Waggons noch nicht zum Abschluss gebracht worden sind.

Plünderung und Raub auf dem Markt

EAZ, 25. Oktober 1923. Die Märkte zeigten am Mittwoch die Folgen der systematischen Zerstörungspolitik in ihren erschreckendsten Formen. Infolge der ins Ungemessene gestiegenen Preise waren nur wenige Käufer in der Lage, das Notwendigste zu erstehen. Auf dem Rüttenscheider Markte gab es nur 2 Fleischbuden mit wenig Ware. Auf dem Kopstadtplatz wurden die Fleischstände von Plünderern gestürmt und teilweise beraubt. Am schlimmsten ging es wieder auf dem Gerlingsplatz zu, wo den Käse-, Fett- und Margarinehändlern nicht nur die Ware, sondern auch das Geld geraubt wurde.

Butter, Eier und Kartoffeln waren nur sehr wenig vorhanden. Butter wurde mit 20 Milliarden verkauft, Eier kosteten 800 Millionen, für Kartoffeln wurden im Laden 540 Millionen, im Kruppschen Konsum 400 Millionen gefordert.

Die Polizei war fast machtlos, da sie nur von der blanken Waffe Gebrauch machen durfte. Es würde besser sein, wenn die Märkte unter diesen schwierigen Verhältnissen überhaupt nicht mehr abgehalten würden und der Verkauf auf die Läden beschränkt bliebe. Wie die Sache liegt, wundert es uns, dass sich die Schlachter nicht eine eigene Schutzgarde bilden, die den Räubern das Handwerk legt. Für den Samstagsmarkt ist, wenn nicht stärkerer Schutz zur Stelle ist, das Schlimmste zu befürchten.


Tote und Verletzte bei Unruhen

EAZ, Samstag, 27. Oktober 1923. Am Freitag (...) gegen 10 Uhr vormittags meldeten 2 Kruppsche Arbeiter auf der Polizeiwache im Rathaus, dass in der Kruppschen Fabrik, und zwar auf der Altendorfer Straße in der Nähe des Hauptverwaltungsgebäudes, die Straßenbahnwagen angehalten würden, auf denen sich blaue Polizeibeamte befänden, die stark bedroht seien. Um dieselbe Zeit fand vor dem Hauptverwaltungsgebäude eine Demonstration der Kruppschen Arbeiterschaft statt, deren Vertreter bei der Direktion wegen der Lohnauszahlungen vorstellig geworden waren. Die Polizei entsandte sofort einen Lastkraftwagen Polizeibeamte, um gegebenenfalls die bedrängten Kameraden zu befreien. (...)

Als aber die entsandte Abteilung in die Altendorfer Straße einfuhr, wurde sie am Kruppschen Fleischkonsum mit Steinwürfen und feindseligen Rufen empfangen. Da das Werfen mit Steinen, Eisenstücken, Schrauben, glühenden Kohlenresten sich fortsetzte, wurden einzelne Würfe von den Beamten mit der Schusswaffe erwidert. (...)

Bei diesem beklagenswerten Zwischenfall, der offenbar durch die ganz irrige Meinung entstand, die Polizei habe den Befehl, in die Demonstration der Kruppschen Arbeiter einzugreifen, gab es 3 Tote und 17 Verwundete, davon sind 4 schwer verletzt.

Briefporto 100 Millionen und steigend

EAZ, Sonntag, 28. Oktober 1923. Unter dem Zwang der Geldentwertung hat die Postverwaltung die zum 1. November festgesetzten, bereits bekannt gegebenen Gebühren für Briefsendungen und Pakete des Inlandsverkehrs verdoppeln müssen. Der einfache Fernbrief kostet so vom 1. November ab 100 Millionen Mark, die Fernpostkarte 40 Millionen. Weitere voraussichtlich sehr beträchtliche Erhöhungen stehen zum 5. November bevor.


Massen-Frankatur im Herbst 1923. Wegen der wöchentlich steigenden Gebühren fehlten zuletzt ständig passende Marken in Millionen- und Milliardenwerten.

Wie wild gewordene Bestien

EAZ, 28. Oktober 1923. Der Samstagmorgen zeigte ein wesentlich friedlicheres Bild als die vorhergehenden Tage. Es war zwar wieder viel Volk auf den Beinen, aber diejenigen, denen der Freitag ein Tag der wildesten Raubgier gewesen war, schienen es für nötig zu halten, sich nicht erneut der Gefahr, beim Plündern ertappt zu werden, auszusetzen.

Wie toll die Menge am Freitag Abend gehaust hatte, konnte man erst beim hellen Tageslicht so recht beurteilen. Insbesondere hat die Gegend um den Viehofer Platz gelitten, wo eine ganze Anzahl Geschäfte vollständig ausgeräumt worden sind.

Dass dabei nicht nur Notleidende beteiligt waren, geht aus der Plünderung der Tabak- und Uhrengeschäfte in der Grabenstraße hervor. Wie wild gewordene Bestien haben sich die Plünderer über die Waren hergemacht, nachdem sie die Fensterscheiben eingedrückt und den Besitzern mit Halsabschneiden und so weiter gedroht hatten. Tabak, Zigarren, Uhren, Ketten, Ringe wurden auf die Straße geworfen und dort von den vor den Läden Tobenden in Empfang genommen. Es blieb dabei nicht. Auch die Einrichtungsgegenstände wurden mit fortgeschleppt, überhaupt alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Recht schwer mitgenommen wurde auch Kaisers Kaffee-Geschäft am Viehofer Platz, aus dem gleichfalls fast alles geraubt worden ist.

Versammlungsverbot ab sofort

Essener Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 31. Oktober 1923.
(Einzelpreis 2 Milliarden Mark)

Die französische Besatzung in Essen teilt mit: In Verfolg der Zwischenfälle, welche sich in Essen, Mülheim und anderen Orten am 24., 25. und 26. Oktober ereignet haben, untersagt (...) der kommandierende General des Gebietes bis auf neuen Befehl alle Aufläufe und Ansammlungen des Publikums von mehr als 10 Personen auf öffentlichen Straßen. Vorliegende Verordnung tritt sofort in Kraft und die Polizei wird über ihre Ausführung wachen.






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