Vor 100 Jahren: Proteste am Germaniaplatz - Verletzte kamen ins Philippusstift

0 15.11.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Draht nach Berlin steht wieder

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Mittwoch, 14. November 1923. Das Essener Telegraphenamt hat wieder gute Telegraphenverbindungen nach Berlin (2 Leitungen), Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Elberfeld, Emden, Gelsenkirchen, Hagen, Hamburg, Horst (Emscher), Münster i. W., Mülheim (Ruhr) und Oberhausen. Der Essener Telegraphenverkehr kann jetzt ohne Schwierigkeiten und Verzögerungen mit den vorhandenen Leitungen bewältigt werden.

Auch bei dem Fernsprechverkehr sind wesentliche Verbesserungen eingetreten. Bis jetzt sind betriebsfähig die Drähte nach Berlin (2 Leitungen), Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf (5 Leitungen), Elberfeld (2 Leitungen), Hamburg, Hannover und Minden.

Wurst und Fisch wieder teurer

EAZ, Donnerstag, 15. November 1923. Essener Wochenmarkt am 14. November 1923. Fleisch hat seinen Preis vom Samstag behalten, Wurst und Fisch sind ganz erheblich teurer geworden. Kartoffeln waren wieder nicht vorhanden, beim Hofhändler kosteten sie am Vormittag 20 Milliarden das Pfund. (...)

Zugverkehr kommt wieder in Schwung

EAZ, Donnerstag, 15. November 1923. Neben den bereits verkehrenden Zügen auf den Strecken Werden - Steele (Nord) nach Kupferdreh, Oberhausen (Hauptbahnhof) bis Kettwig über Mülheim-Styrum und Steele (Nord) nach Bommern über Hattingen sollen jetzt auch folgende im Norden Essens gelegene Eisenbahnlinien von der Besatzung in Betrieb genommen werden: Mülheim-Heißen nach Kray (Nord) über Essen (Nord), Borbeck nach Altendorf, Bergeborbeck nach Essen (Nord), Essen-Altenessen nach Essen (Nord), Bahnhof Segeroth. Die Inbetriebsetzung ist für 20. November vorgesehen.

Millionen dem Verhungern preisgegeben

EAZ, Freitag, 16. November 1923. Am Dienstag teilte der Vertreter des Zechenverbandes bei einer Verhandlung der Gewerkschaften der Arbeiter und Angestellten des westfälischen Bergbaues mit den Unternehmern mit, dass sämtlichen Arbeitern und Angestellten am 15. des Monats zum 30. gekündigt würde.

Der Zechenverband begründet diese rigorose Maßnahme damit, dass die Verhandlungen in Düsseldorf mit der französisch-belgischen Ingenieurskommission ergebnislos geblieben seien und dass nunmehr die finanziellen Mittel fehlten, um die Betriebe weiterzuführen.

Da der Beschluss des Zechenverbandes mit dem Beschluss der Reichsregierung, die Erwerbslosenfürsorge für das Ruhrgebiet im Interesse der Reichsfinanzen einzustellen, zusammenfällt, wäre ein Millionenheer von Arbeitslosen einfach dem Verhungern preisgegeben.

Tote bei schweren Unruhen in Essen

EAZ, Samstag, 17. November 1923. Der Freitag brachte eine Erneuerung der Unruhen, die dieses Mal einen recht ernsten Charakter annahmen. Auch hierbei zeigte sich wieder ein planmäßiges Vorgehen der Aufrührer.

Wie stark hierbei auswärtige Kräfte beteiligt zu sein scheinen, geht aus einer Materialbeschlagnahme in Hamm hervor, wo man Aufforderungen der kommunistischen Bezirksleitung in Essen vorfand, durch welche die Unterbezirke aufgerufen wurden, am Freitagnachmittag in Gemeinschaft mit den Erwerbslosen Demonstrationen zu veranstalten, bei denen nötigenfalls auch Gewalt gebraucht werden sollte.

Seitens der Erwerbslosen kam es bereits in den Morgenstunden zu Plünderungsversuchen, welche die Polizei ständig in Anspruch nahmen. Die städtischen Beamten in der Alfredischschule wurden gezwungen, die Schule zu räumen. Die Aufforderung, sich den Erwerbslosen anzuschließen und sich mit ihnen solidarisch zu erklären, wurde selbstverständlich abgelehnt.

Bei der Beuststraße waren die Ansammlungen besonders drohend. Hier kam es auch schon vormittags zum Gebrauch der Schießwaffe. Nachmittags 3 Uhr fand eine von der Kommunistischen Partei einberufene Massenversammlung auf dem Burgplatz statt, zu der auch die Erwerbslosen eingeladen worden waren. Durch Zuströmen von Leuten aus den umliegenden Ortschaften füllten sich die anliegenden Straßen mit Menschenmengen, die von der Polizei vertrieben werden mussten. Einzelne Trupps begaben sich darauf in die Nähe des Viehhofer Platzes, in die Grabenstraße, den Nordbahnhof, die Segerothstraße, Altendorfer Straße und zum Limbecker Platz. Zahlreiche Plünderungsversuche, besonders am Nordbahnhof, mussten von der Polizei mit Waffengewalt unterdrückt werden.

Beim Kruppschen Konsum in der Altendorfer Straße wurde die Polizei von der Menge überfallen und es kam zu einem regelrechten Feuergefecht, bei dem von der Menge Karabiner und Revolver gebraucht wurden. Von der Straßeüberführung am Krupp-Denkmal in der Altendorfer Straße bewarf man die Schutzleute mit Eier- und Stielgranaten, Steinen und Eisen. Ein eigenartiges Bild bot die Ostfeldstraße, wo die Menge Barrikaden aus den aufgerissenen Straßenplatten gebaut hatte, um auch von hier aus mit Wurf- und Schießwaffen zu arbeiten. Weithin ist hier die Straße mit Steinen und Eisenstücken übersät. Schließlich griffen französische Soldaten zum Schutz der Polizei ein und man hörte fortwährend des Gewehrfeuer, das an ein Vorpostengefecht gemahnte.

Die Samariter waren aufgeboten und schafften die Toten und Verwundeten fort. 3 Schutzleute wurden durch Kopf-, Schulter- und Knieschüsse verwundet. Im Kruppschen Krankenhause befanden sich am Abend 2 schwer und 13 leichter Verwundete, im städtischen Krankenhaus 10 Verwundete, im Huyssenstift 4 Verwundete, von denen ein Schutzmann, der einen Schulterschuss erhalten hatte, nach Anlage des Verbandes wieder entlassen werden konnte. Im Kruppschen Krankenhaus befinden sich außerdem 2 Tote. Wieviel Verwundungen sonst noch vorkamen, kann nicht festgestellt werden, weil die meisten Opfer von der Menge selbst fortgeschafft wurden. Wie verlautet, kam es gestern auch in Gelsenkirchen, Dortmund und Hoerde zu Unruhen.

EAZ, Sonntag, 18. November 1923. Von der Leitung der Straßenbahn wird uns mitgeteilt, dass - solange keine feststehende Währung vorhanden ist - voraussichtlich an jedem Donnerstag und Sonntag die Fahrpreise erhöht werden.

Zusammenstöße auf dem Germaniaplatz

EAZ, Sonntag, 18. November 1923. Im Laufe des Freitags kam es auch in den übrigen Ortschaften in der Nähe Essens zu Kundgebungen, Ausschreitungen und Plünderungen. In Kray, Steele, Kupferdreh, Überruhr, Rellinghausen und Karnap verliefen die Kundgebungen ohne Zwischenfälle. Auf dem Güterbahnhof Vogelheim wurde abends ein Waggon Kartoffeln erbrochen und teilweise ausgeraubt, die Polizei musste einschreiten.

In Borbeck kam es auf dem Germaniaplatz zu einem Zusammenstoß zwischen der Polizei und den Demonstranten. Es gab 3 Verletzte, die ins Philippusstift gebracht wurden.

Von Plünderern wurde besonders heimgesucht der Bahnhof Katernberg Nord, wo ein Lebensmittelzug ausgeraubt wurde. Die sofort gerufene Polizei konnte 4 Täter festnehmen. Als die Wache abgezogen war, setzten die Plünderungen abends um 10 Uhr wieder ein. 10 Waggons mit Zucker, Gefrierfleisch, Speck, Mehl, Schmalz, sogar ein Waggon mit Umzugsgut wurde ausgeraubt. Die Polizei konnte 26 Plünderer verhaften. Heute morgen musste am Bahnhof Katernberg Nord wiederum Polizei zur Abwehr von Plünderungen eingesetzt werden.

RWE spielt gegen Osterfeld

"Rot-Weiß", Essen - Spielverein Osterfeld 06. Am Buß- und Bettag nachmittags 3 Uhr stehen sich obige Gegner im Gesellschaftsspiel auf dem Platze an der Vogelheimer Straße in Bergeborbeck gegenüber. Osterfeld führt in der Kreisliga und ist bisher ungeschlagen. Die Rot-Weißen, deren Spielhärte genügend bekannt ist, werden alles versuchen, um den Sieg zu erringen, was ihnen jedoch bei einem Gegner, wie ihn Osterfeld darstellt, nicht leicht fallen wird. Das Spiel, dessen Ausgang wir den Spielern überlassen, wird, da guter Sport zu erwarten ist, eine stattliche Zuschauermenge anlocken. Die Leitung liegt in den Händen des Herrn Limburg.

Zum Bild oben: "Das Ruhrgebiet ohne Polizei. Die sog. Diebesbörse an der Teichstraße in Essen." (Abbildung aus Hans Spethmann, Der Ruhrkampf 1923 – 1925, Berlin 1933)

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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