Vor 100 Jahren: Franzosen verhaften Zechenchef Wüstenhöfer

0 25.01.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die in der damals weit verbreiteten Essener Volkszeitung erschienen.

Minister verbietet Kohlenausfuhr

Berlin, 19. Januar 1923

Der Reichsverkehrsminister hat an die Reichsbahndirektion in Essen folgendes Telegramm gesandt:

"Ich verweise auf meine am 18. d. M. erteilte Anweisung betreffs Verbot der Umkartierung bereits ausgelieferter Kohlen-, Koks- und Brikettsendungen nach Belgien und Frankreich. Ich verbiete nochmals hiermit ausdrücklich jede derartige Sendung. Beamte, die derartige Umkartierugen vornehmen, werden unnachsichtlich zur Rechenschaft gezogen."

Obwohl die französische Besatzungsbehörde die Bekanntgabe des Befehls des Reichsverkehrsministers verboten hatte, haben die Organisationen der Eisenbahnbeamten und Arbeiter in Essen beschlossen, sich streng an die Weisungen des Ministers zu halten. Boten sind nach den einzelnen Stationen unterwegs, um diesen Beschluss bekanntzugeben.

Es sind bisher von den Franzosen sechs Eisenbahnzüge mit Kohlen beschlagnahmt worden, von denen aber keiner das Ruhrgebiet verlassen hat. Nach den bisherigen Misserfolgen beabsichtigen die Franzosen, heute nacht ein neues System zur Kontrolle und Erfassung der Kohlen auf der Eisenbahn einzuführen. - Auf der Eisenbahndirektion Essen sind von den Besatzungsbehörden bereits 18 Zimmer mit Beschlag belegt worden. (EVZ, 20. Januar 1923)

Franzosen verhaften Zechenchefs

Essen, 20. Januar 1923

Die für heute vormittag von General Fournier vorgeladenen Herren Fritz Thyssen, Generaldirektor Tengelmann (...) Generaldirektor Wüstenhöfer sind verhaftet und unter militärischer Bedeckung im Automobil nach Düsseldorf gebracht worden. Über den Grund der Verhaftung ist noch nichts bekannt.

Im Essener Bergwerksverein König Wilhelm haben die leitenden Beamten beschlossen, falls die Verhaftung des Generaldirektors Wüstenhöfer nicht bis Montag, 22. Januar, aufgehoben sei, würden sämtliche Beamte am Dienstag die Arbeit niederlegen.

Borbeck, 24. Januar 1923.

Telegramm des Gesamtbetriebsrates König Wilhelm an den verhafteten Generaldirektor Wüstenhöfer: "Herrn Generaldirektor Wüstenhöfer für sein mannhaftes Auftreten aufrichtiges Glückauf! Möge die gerechte Sache von Erfolg gekrönt sein! Versichern Eintreten für unser gutes Recht bis auf den letzten Mann!"

Prozess endet mit Geldstrafen

25. Januar 1923.

Nach Mainz sind die Blicke der Welt gerichtet, dort stehen die Pioniere der deutschen Industrie vor einem französischen Kriegsgericht. - Die Angeklagten wurden zu Geldstrafen verurteilt. Wüstenhöfer wurde zu 8640 Frank verurteilt. Von deutscher Seite wurde Einspruch gegen das Urteil erhoben. Nach Beendigung der Sitzung war die Menge vor dem Justizgebäude auf viele Tausende angeschwollen. Dauernde Hochrufe auf die Angeklagten ertönten und patriotische Lieder wurden gesungen.

Hochrufe auf die Verurteilten

26. Januar 1923.

Die Rückkehr der an die Stätte ihrer Arbeit zurückfahrenden Zechenvertreter am deutschen Rhein entlang gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Der Empfang in Essen: Schon in den ersten Mittagsstunden füllte eine ungeheure Volksmenge den Bahnhofsvorplatz und den weiteren Raum hinter dem Bahnhof. Die Menschenmauer war schließlich so dicht, dass auch die Straßenbahnen den Betrieb einstellen mussten. Laute Hochrufe und Hüteschwenken kündigt der Menge das Eintreffen der sehnlichst Erwarteten, und spontan wird das Deutschlandlied angestimmt. Die Begeisterung hielt lange an. Im Laufe des Abends sammelten sich spontan größere Menschenmassen. Ein Zug von mehreren tausend Teilnehmern durchzog unter Hochrufen auf die Verurteilten, und auf Deutschland, und mit Niederrufen auf Frankreich, die Straßen der Stadt.

Blutbad knapp verhindert

Gelegentlich der heutigen Demonstrationszüge verlangte vor dem Gebäude der Hauptpost ein französischer Offizier die Verhaftung eines Deutschen. Die Menge nahm daraufhin gegen ihn eine drohende Haltung ein. Der Offizier zog seinen Revolver und machte sich schussbereit. Von Schupobeamten wurde er am Gebrauch der Waffe gehindert und die Beamten zogen eine Kette zwischen ihm und der Menge.

Eisenbahner legen Arbeit nieder

Essen, 27. Januar 1923. Der Personenverkehr im Industriegebiet ist durch das Eingreifen der Besatzungsbehörden vollkommen desorganisiert. Die meisten Züge fahren überhaupt nicht und die wenigen, die abgelassen werden, fahren mit großer Verspätung ab. Die Arbeitsniederlegung der Eisenbahner hat jetzt auch auf das linke Rheinufer entschiedener übergegriffen. Die französischen Eisenbahner versuchen, den Betrieb für ihre Zwecke aufzunehmen. Die Truppenzüge können nur im Marschtempo fahren, da stets zwei Soldaten dem Zug vorangehen.

General droht mit Waffengewalt

Der französische General hat mitgeteilt, dass er weitere Kundgebungen mit Waffengewalt und größter Schärfe unterdrücken werde. Er warne die Bevölkerung, sich nicht den Folgen eines bewaffneten Einschreitens der Truppe auszusetzen.

Kinder können nicht zur Schule

28. Januar 1923. Durch die Belegung vieler Schulen müssen 8000 bis 10000 Kinder täglich weite Wege gehen, um wenigstens noch in den Nachmittagsstunden, teilweise bis 6 Uhr abends, kurzen Schulunterricht zu erhalten.

Lebenshaltungskosten explodieren

Durch den Mangel an Fett wird eine weitere Zunahme der Tuberkulose zu verzeichnen sein, die ohnehin seit 1915 in Essen eine Zunahme von 50 Prozent erfahren hat.

Bei dem großen Konsumverein "Wohlfahrt" kostete eine bestimmte Menge von Lebensmitteln (Mehl, Brot, Butter, Margarine, Schmalz, Speck, Wurst, Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Milch, Zucker, Reis, Oel usw)

im Jahre 1914: 17,65 Mark

am 10. Januar 1923: 28 764,- Mark

am 24. Januar 1923: 46 342,- Mark.

Der Einfall in das Ruhrgebiet mit der katastrophalen weiteren Entwertung der Mark hat die Lebenshaltung in ganz kurzer Zeit fast um 100 Prozent verteuert.

 

Zum Bild oben: Französische Truppen besetzten direkt am ersten Tag ihres Einmarsches in Essen den Hauptbahnhof. Der passive Widerstand der deutschen Eisenbahner führte schon nach wenigen Tagen zu einem Verkehrschaos auf den Schienen. (Sammlung A. Eickholt)

 

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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