Vor 100 Jahren: Die Lage bleibt unübersichtlich

0 21.04.2023

Keine Kohlen ohne Passierschein, bratfertige Hundekadaver, Spielhölle ausgehoben, Einsteins neues Weltbild und Zuchthaus für Schweineklau – was vor 100 Jahren die Gemüter bewegte, fand eh in einer bewegten Zeit statt. Das Ruhrrevier war besetzt und die Lage unübersichtlich. Hier die aktuellen Schlagzeilen:

Stellvertreter des OB verhaftet
Niederrheinische Nachrichten, Sonntag, 15. April 1923. Beigeordneter Kind verhaftet. Beim jetzigen Stellvertreter des Oberbürgermeisters erschienen am Samstag vormittag 11.40 Uhr zwei belgische Kriminalbeamte mit der Forderung, die Kontribution von 75 Millionen Mark zu zahlen. Beigeordneter Kind erklärte, infolge des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung nicht in der Lage zu sein, den Betrag anzuweisen. Darauf wurde er für verhaftet erklärt und abgeführt.

Weiteres Opfer des Blutsamstags beigesetzt
General-Anzeiger für Oberhausen, Sterkrade, Osterfeld und das nordwestliche Industriegebiet, Montag, 16. April 1923. Noch eine Trauerfeier in Essen. Unter großer Anteilnahme der Kruppschen Werksangehörigen, des Kruppschen Direktoriums, der Vertreter der Stadtverwaltung und mehrerer Stadtverordneter sowie aus der weiteren Bürgerschaft Essens wurde am Samstag das 14. Opfer des Karsamstags zur letzten Ruhe getragen. Über das Befinden der übrigen Verletzten erfahren wir von zuständiger Stelle, dass Lebensgefahr nicht mehr vorliegt. 

Raymond Poincaré (1860-1934) gilt als die treibende Kraft hinter der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebiets im Jahr 1923. Der vormalige französische Staatschef fungierte zu dieser Zeit als Ministerpräsident und Außenminister.

Tengelmann feiert Jubiläum
Niederrheinische Nachrichten, Dienstag, 17. April 1923. Generaldirektor Tengelmann konnte am 15. April auf eine 25jährige Tätigkeit bei den Essener Steinkohlenbergwerken, Aktiengesellschaft, zurückblicken. Er ist eine Persönlichkeit, die erkannte Ziele und Zwecke mit äußerster Konsequenz und Energie durchführt.

Passierschein für Kohlen
General Degoutte hat eine Verordnung für den Kohlen- und Kokstransport in dem besetzten Ruhrgebiet erlassen. Danach muss jedes Fahrzeug, das Kohlen transportiert, einen Passierschein haben, andernfalls wird das Fahrzeug samt der Ladung beschlagnahmt.

Straßenbahn nach Bottrop fährt wieder
Der Fünfzehn-Minuten-Verkehr auf der Straßenbahn Bottrop-Essen ist von Sonntag, 15. April ab wieder eingeführt worden. Die Straßenbahndirektion erwartet allerdings, dass die Bevölkerung auch nach Wiedereröffnung des Eisenbahnverkehrs die Straßenbahn weiter benutzt, damit diese Einrichtung auch bei der gegenwärtigen schlechten Wirtschaftslage bestehen bleiben kann.

Krupp als Zeuge vor Gericht
Niederrheinische Nachrichten, Mittwoch, 18. April 1923. In Werden wurde Dr. Krupp von Bohlen-Halbach als Zeuge in der Angelegenheit der verhafteten Direktoren der Kruppschen Werke von einem französischen Untersuchungsrichter vernommen.

Spitzbuben horteten bratfertige Hundekadaver
Eine Einbrecherbande wurde Dienstag morgen in einem baufälligen Hause an der Kaulbachstraße in Holsterhausen von der Kriminalpolizei mit Hilfe der Feuerwehr festgenommen. Die vollständig überraschten Spitzbuben setzten sich verzweifelt zur Wehr, indem sie ein regelrechtes Feuer auf die Beamten eröffneten. Dann versuchten sie, über das Dach zu entkommen. Sie wurden sämtlich festgenommen. Die empörten Zuschauer fielen über die Spitzbuben her und verprügelten sie gründlich. Große Mengen gestohlenen Gutes wurden aus dem Keller des Hauses zutage gefördert. Die zahlreichen Einbrüche und Geflügeldiebstähle der letzten Zeit im Holsterhauser Bezirk dürften auf das Konto dieser Bande zu setzen sein. Auch die vielen Hundediebstähle finden dadurch eine Erklärung, dass man bratfertig gemachte Hundekadaver vorfand.

Widerstandskraft ungebrochen
Volksstimme, Sozialdemokratisches Organ, Mittwoch, 18. April 1923. In seinem Stimmungsbild über den 1. Tag der großen Ruhrdebatte im Reichstag schreibt unser Zentralorgan der „Vorwärts“ u. a. Folgendes: ... So wie gestern der Reichstag aussah, sieht nicht die Vertretung eines Volkes aus, das sich in letzten Zuckungen wälzt. Vielmehr hat die gestrige Sitzung bewiesen, dass die moralische Widerstandskraft gegen die französische Gewaltpolitik ungebrochen ist. ...

Polizei hebt Spielhölle aus
Volksstimme, Essen. Die Kriminalpolizei hob in der Altendorfer Straße, in der Gastwirtschaft Weckauf eine Spielhölle aus und leitete gegen den Inhaber des Lokals das beschleunigte Konzessionsentziehungsverfahren ein. 20 Kriminalbeamte, unter Führung eines Kommissars, überrumpelten in dem Lokal 100 Personen, von denen mehr als 50 an etwa acht Tischen mit dem Glücksspiel beschäftigt waren. Über 22000 Mark Spielgelder wurden beschlagnahmt. Wie festgestellt wurde, arbeiteten die Glücksspielritter mit außerordentlich gekennzeichneten Karten und schröpften ihre Opfer in der gründlichsten Form.

Feuerwehr schnappt Ausbrecher
Niederrheinische Nachrichten, Donnerstag, 19. April 1923. Einem auf dem Transport nach Essen begriffenen Zuchthäusler der Werdener Strafanstalt gelang es gestern zu entspringen. Der Kriminalpolizei in Verbindung mit der schleunigst herbeigerufenen Feuerwehr glückte es, noch im Laufe des Tages den Ausbrecher wieder einzufangen.

Reise ins Revier endet im Knast
Polizeigericht in Werden, Sitzung vom 16. April. In der Vormittagsverhandlung wurden verurteilt: Straßenbahnschaffner Wilhelm Frettloh, Essen, wegen ungebührlichen Verhaltens gegen französische Gendarmen zu 1 Monat Gefängnis und 100000 Mark Geldstraße, Heinrich Rausch, Königsberg, wegen verbotener Rückreise in das besetzte Gebiet zu 3 Monaten Gefängnis und 500 000 Mark Geldbuße.

Einsteins neues Weltbild in der VHS
Niederrheinische Nachrichten, 20. April 1923. Einsteins neues Weltbild hält nach wie vor das Interesse weiter Kreise wach. Aus diesem Grunde hält Studienrat Birkenbach in der Volkshochschule Essen eine Vorlesung „Wie sieht Einsteins neues Weltbild aus?“. Der Beginn ist für den 24. April vorgesehen.

Zuchthaus für Schweineklau
Wegen eines schweren Schweinediebstahls hatten sich der Bergmann Konrad Braunisch aus Frillendorf, der Bergmann Karl Eisenauer, der Fürsorgezögling Margarete Eisenauer und der Schneidermeister Georg Müller, alle drei aus Essen, vor der Strafkammer zu verantworten. Die Angeklagten hatten bei dem Bergmann Hubert Otto in Frillendorf ein Schwein im Werte von 200 000 M. gestohlen. Die Strafkammer verurteilte Karl Eisenauer, einen schwer vorbestraften Menschen, zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, Braunisch erhielt 1 Jahr 3 Monate Gefängnis, Müller kam mit 10 Monaten und die Margarete Eisenauer mit 9 Monaten Gefängnis davon.

Besetzte Bahnhöfe erschweren das Reisen
Niederrheinische Nachrichten, Sonntag, 22. April 1923. Nachdem die Bahnhöfe Essen, Bochum, Kray-Süd und Herne besetzt sind, können von Dortmund aus die Züge nicht mehr direkt nach Essen-Nord gelangen. Die Züge der Köln-Mindener und der Emschertal-Strecke verkehren nur bis Rauxel bzw. Castrop. Die Reisenden für Wanne-Gelsenkirchen müssen deshalb auch die Strecke über Langendreer und Bochum-Nord benutzen, da von dort die Züge nach Wanne-Dellwig geleitet werden. Über die Verkehrslage im Ruhrgebiet berichten die Blätter, dass von den 206 Bahnhöfen des Ruhrgebietes 70 von den Einbruchstruppen besetzt sind. Auf 6 dieser Bahnhöfe ruht der Betrieb vollständig.

Stachelbeerkompott
Für die Küche. Stachelbeerkompott. Drei Pfund unreife Stachelbeeren werden von Stiel und Blüten befreit und sauber gewaschen. Währenddessen löst man 1,5 Pfund Zucker in 0,25 Liter Milch auf und schüttet die Stachelbeeren hinein. In 8 bis 10 Minuten platzen die Stachelbeeren und sie müssen dann sofort vom Feuer genommen werden, damit sie nicht völlig zerfallen. Sobald die Stachelbeern erkaltet sind, kann man sie servieren.

Zusammengestellt von Andreas Eickholt

 

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