Vor 100 Jahren: Auf Prosper wird gestreikt

Und Borbecker Kicker wollen unbedingt siegen

0 03.05.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Anschlag gegen Stellwerk

Niederrheinische Nachrichten, Samstag, 29. April 1923.

Der Anschlag, der an der Strecke Essen-Nord – Altenessen verübt worden ist und die Franzosen zu strengen Maßnahmen veranlasst hat, weil sie annahmen, dass ein Anschlag auf den Posten der in der Nähe des Tatorts gelegenen Kaserne geplant war, ist anscheinend gegen ein Stellwerk gerichtet gewesen, denn der Sprengtrichter befindet sich nur zwei Meter von dem Stellwerk entfernt. Ein Anschlag auf den Posten kommt nicht in Frage, da dieser sich auf der anderen Seite des Bahndammes befindet.

- Zu den Arbeitslosenunruhen in Schonnebeck erfahren wir noch, dass neun Personen verhaftet worden sind, die zu den Hauptbeteiligten gehören.

Proteststreik auf Prosper

Niederrheinische Nachrichten, Sonntag, 30. April 1923.

Samstag nachmittag um 4 Uhr erschienen vor den Toren der Zeche Prosper I dreißig Mann einer belgischen Abteilung. Sie gingen in das Nachtlokal der Feuerwehr und nahmen dort zwei Feuerwehrleute fest, die angeschuldigt sind, einem belgischen Offizier das Zechentor beim Betreten des Platzes zugeschlossen zu haben. Die Belegschaften der Zechen Prosper 1, 2 und 3 sind daraufhin geschlossen in den Streik getreten. Der Streik dauert bis Montag abend. Die Nachtschicht wird wieder einfahren. Bottrop ist während dieser Tage ohne Gas und Elektrizität.

Bürgermeister als Geisel

Der Platzkommandant von Essen teilte dem OB der Stadt Essen mit, dass die Frist, die ihm gewährt ist, um die Urheber des Segeroth-Attentats den Händen der Militärbehörde auszuliefern, bis einschl. 8. Mai verlängert ist. Wenn bis zu diesem Tag die Urheber nicht ausgeliefert sind, sollen die vorgesehenen Sanktionen (Verhaftung des Bürgermeisters Baasel und des zuständigen Kriminalinspektors) durchgeführt werden.

Der Dollar 33500

Krupp verhaftet

Niederrheinische Nachrichten, Mittwoch, 2. Mai 1923.

In der Untersuchung gegen die Direktoren der Kruppschen Werke hat der Untersuchungsrichter Herrn Krupp v. Bohlen und Halbach zum dritten Male als Zeugen vorgeladen. Herr Krupp, der gerade in Berlin weilte, eilte sofort herbei. Nach kurzem Verhör erklärte der Untersuchungsrichter Herrn Krupp v. Bohlen für verhaftet.

"Zustand legitimer Notwehr"

Über die Vorfälle auf den Kruppschen Werken am Ostersamstag wurde auf Befehl des Generals Degoutte eine Untersuchung angestellt. Diese wurde nunmehr durch einen Tagesbefehl abgeschlossen, in dem der Oberbefehlshaber dem Leutnant, der die Abteilung führte, die auf die Arbeiter geschossen hat, für seine große Kaltblütigkeit Anerkennung ausdrückt. Er habe seine Leute trotz der Provokationen, Drohungen und Übergriffe ganz in der Gewalt gehalten und den Gebrauch der Waffe erst in dem Moment befohlen, in dem seine Truppen sich in dringender Gefahr und im Zustand legitimer Notwehr befanden.

Schon 52 Zechen besetzt

Niederrh. Nachr., Donnerstag, 3. Mai 1923. Bis jetzt haben die Franzosen im Ruhrgebiet 52 Schachtanlagen besetzt.

Aufruf: Nicht streiken!

Werksleitung und Betriebsrat der Kruppschen Werke in Essen fordern die Belegschaft auf, nicht wegen der Verhaftung des Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Herrn Krupp von Bohlen und Halbach, in den Proteststreik zu treten, da auch nach Ansicht des verhafteten Krupp v. Bohlen und Halbach so dem Vaterlande am besten gedient würde.

MGs sichern Prozess in Werden

Essener Volkszeitung, Freitag, 4. Mai 1923. Zur Sicherung des französischen Kriegsgerichts, das morgen in Werden gegen die Kruppdirektoren verhandelt, sind heute starke französische Truppenabteilungen nach Werden gelegt worden. Sie setzen sich aus Radfahrerkompanien, Panzerkraftwagenabteilungen und Abteilungen mit schweren Maschinengewehren zusammen. Die Ruhrbrücke bei Werden ist abgesperrt.

Dollarkurs: 39151 Mark.

Todesstrafe für Direktoren?

EVZ, Samstag, 5. Mai 1923.

Der zweite Akt der furchtbaren Karsamstagstragödie beginnt zu spielen. Für den Prozess, der voraussichtlich zwei Tage in Anspruch nehmen, und der vor dem Kriegsgericht in Werden verhandelt wird, haben die Franzosen umfassende Sicherheits- und Ordnungsmaßnahmen getroffen. Hunderte von Pressevertretern sind in Essen eingetroffen.

Während das französische Kriegsgericht in Werden sonst seinen Sitz im Werdener Amtsgerichtsgebäude hat, ist für den Krupp-Prozess der größte Saal in Anspruch genommen, der mehrere Tausend Menschen fasst. Die Besatzungsbehörde hat alle Zufahrtsstraßen nach Werden durch starke Postenabteilungen abgesperrt.

Die Verhandlung richtet sich gegen 13 Angeschuldigte. Die Anklage stützt sich in erster Linie auf die Verordnung des Generals Degoutte vom 7. März 1923. Sie bedroht mit Strafe ein Komplott, oder sonstige Maßnahmen, die zum Zwecke der Begehung von Feindseligkeiten gegen die Besatzungstruppen oder zur Vorbereitung eines Attentats ins Werk gesetzt worden sind. Sie sieht Todesstrafe oder lebenslängliches Zuchthaus, mindestens aber bei mildernden Umständen eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren vor.

Den Tatbestand des Komplotts konstruiert die Anklage aus dem Umstand, dass beim Betreten der Kruppschen Werksanlagen durch die Franzosen die Sirenen einsetzten, wodurch Tausende Kruppscher Arbeiter gegen die Franzosen mobilisiert worden sein sollen.

Borbecks Kicker wollen ungeschlagen bleiben

Turnen und Sport. Borbecker Ballspielverein 1912 – Bv. Katernberg 1916 stehen sich am Sonntagnachmittag 4 Uhr auf dem Platze des BBV gegenüber. Borbecks Mannschaft, die in diesem Jahre auf eigenem Platze noch keine Niederlage erlitten hat, wird alles daran setzen, den Sieg zu erringen. Vorher spielt die 2. Elf des Platzvereins gegen die gleiche von Karnap 07.

 

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

Zur obigen Ansichtskarte aus der Sammlung Eickholt: "Wir sind in einer Zeche mit französischen, spanischen und italienischen Arbeitern, die Züge für Frankreich mit Kohle und Koks beladen, und wir sind da, um sie vor den boches zu beschützen." So schreibt ein französischer Soldat seinen Eltern im Frühjahr 1923 auf der Rückseite dieser Ansichtskarte.

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