Vor 100 Jahren: Das Wirtschaftsleben in Deutschland ist zerrüttet

Ebert und Stresemann konstatieren: So stehen wir heute vor der bitteren Notwendigkeit, den Kampf abzubrechen

0 27.09.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Passiver Widerstand wird abgebrochen

EAZ, Donnerstag, 27. September 1923. Die Reichsregierung erlässt folgenden Aufruf an das deutsche Volk:

"Am 11. Januar haben französische und belgische Truppen wider Recht und Vertrag das deutsche Ruhrgebiet besetzt. Seit dieser Zeit hatten Ruhrgebiet und Rheinland schwerste Bedrückungen zu erleiden. Über 180.000 deutsche Männer, Frauen und Kinder sind von Haus und Hof vertrieben worden, für Millionen Deutsche gibt es den Begriff der persönlichen Freiheit nicht mehr. Gewalttaten ohne Ende haben den Weg der Okkupation begleitet, mehr als 100 Volksgenossen haben ihr Leben dahingeben müssen, Hunderte schmachten noch in Gefängnissen.

Gegen die Unrechtmäßigkeit des Einbruches erhoben sich Rechtsgefühl und vaterländische Gesinnung. Die Bevölkerung weigerte sich, unter fremden Bajonetten zu arbeiten. Für diese dem Deutschen Reich in schwerster Zeit bewiesene Treue und Standhaftigkeit dankt das ganze deutsche Volk.

Die Reichsregierung hatte es übernommen, nach ihren Kräften für die leidenden Volksgenossen zu sorgen. In immer steigendem Maße sind die Mittel des Reiches dadurch in Anspruch genommen worden. In der abgelaufenen Woche erreichten die Unterstützungen für Rhein und Ruhr die Summe von 3500 Billionen Mark, in der laufenden Woche ist mindestens die Verdoppelung dieser Summe zu erwarten. Die einstige Produktion des Rheinlandes und des Ruhrgebietes hat aufgehört. Das Wirtschaftsleben im besetzten und unbesetzten Deutschland ist zerrüttet.

Mit furchtbarem Ernst droht die Gefahr, dass beim Festhalten an den bisherigen Verfahren die Schaffung einer geordneten Währung, die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens und damit die Sicherung der nackten Existenz für unser Volk unmöglich wird. Diese Gefahr muss im Interesse der Zukunft Deutschlands ebenso wie im Interesse von Rhein und Ruhr abgewendet werden, um das Leben von Volk und Staat zu erhalten. So stehen wir heute vor der bitte

ren Notwendigkeit, den Kampf abzubrechen." (...)

Berlin, 26. September 1923.

Der Reichspräsident: Ebert

Die Reichsregierung: Dr. Stresemann

Beigeordneter Baasel verhaftet

EAZ, 27. September 1923. Beigeordneter Baasel, der zurzeit die Geschäfte des Oberbürgermeisters von Essen führt, ferner Polizeirat Exner und Oberstaatsanwalt Stühlen, der am hiesigen Landgericht vertretungsweise die Dienstgeschäfte des Oberstaatsanwaltes führt, wurden gestern früh um 7 Uhr verhaftet und mit dem Auto nach Werden gebracht. Wie verlautet, handelt es sich um eine Vergeltungsmaßnahme für die im unbesetzten Gebiet erfolgte Verhaftung eines deutschen Eisenbahners vom Bahnhof Vorhalle namens Georg, der sich in den Dienst der französischen Eisenbahnregie gestellt hatte.

Kommunisten-Demo auf dem Burgplatz

Essener Allgemeine Zeitung, Freitag, 28. September 1923. Gemäß der für Rheinland und Westfalen von den Erwerbslosen und Notstandsarbeitern ausgegebenen Parole kam es gestern Vormittag auch in unserer Stadt zu geräuschvollen Demonstrationen, deren Träger kommunistische Parteigänger waren. Die Kommunisten verteilten Flugblätter, in denen heftige Angriffe gegen die Regierung Stresemann enthalten waren. Gegen 10 Uhr fand auf dem Burgplatz eine Kundgebung statt, bei der mehrere Redner zu Worte kamen. Dann zogen die Demonstranten in geschlossenem Zuge, an dem etwa 3 bis 4000 Personen teilnahmen, unter Vorantragung roter Fahnen und Absingung von Liedern durch die Grabenstraße ab. Soweit die Teilnehmer Beschäftigung haben, begaben sie sich auf ihre Arbeitsstätten zurück. Die blaue Polizei war in voller Stärke auf dem Posten und sorgte für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung.

An Töchtern vergangen

Essener Allgemeine Zeitung, Samstag, 29. September 1923. Vor der Strafkammer hatte sich gestern der Bergmann Johann P. aus Borbeck wegen schwerer Verfehlungen zu verantworten, die er an seinen beiden Töchtern begangen hat. Der Angeklagte, ein Mann im Alter von 48 Jahren, ist im Wesentlichen geständig. Das Gericht verurteilte ihn zu 2 Jahren 6 Monaten Gefängnis und erkannte ihm außerdem die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren ab.

Plünderungen und Brandschatzungen auf dem Land

Essener Allgemeine Zeitung, Sonntag, 30. September 1923. Die Plünderungen und Brandschatzungen, die sich in den letzten Wochen in zahlreichen Landkreisen und Gemeinden abgespielt, haben einen traurigen Beweis geliefert, wie weit es bei einem Teil unseres Volkes mit der Moral und mit der Disziplin gekommen ist. Der Rheinische Bauernverein hat sich daher veranlasst gesehen, die städtische Bevölkerung aufmerksam zu machen, welche Folgen für sie die unberechtigte Selbsthilfe der Plünderer haben wird.

Der Verein betont mit Recht, dass von einer Notversorgung keine Rede sein kann, wenn der gewalttätige Aufruhr verkündet wird und ganze Banden sengend und raubend das offene Land durchziehen. Es ist sogar vorgekommen, dass zügellose Scharen unter Musikbegleitung auf dem Lande ihr Zerstörungswerk an wertvollen Gütern der Volksernährung ausüben. Felder wurden in rücksichtsloser Weise zertreten und verwüstet, Kartoffeln in unreifem Zustande ausgerissen, das Getreide wurde weggeschleppt und das Korn auf dem Wege verschüttet. Das Vieh wurde auf der Wiese abgeschlachtet und Stücke herausgeschnitten, Höfe und Feldscheunen wurden in Brand gesetzt, ganze Wälder und Forsten abgeholzt.

Schlimmer Kartoffelmangel

Auf den Wochenmärkten herrschte außergewöhnlich reger Betrieb. Die Stände waren so dicht aneinander gerückt, dass die Käufer Mühe hatten, ohne Knüffe zu den Verkäufern zu gelangen. Leider herrschte auch am Samstag noch der schlimme Kartoffelmangel. Auf dem Kopfstadtplatz war von den Erdfrüchten nichts zu sehen, auf dem Rüttenscheider Markt standen schon in aller Frühe lange Käuferreihen, die gegen Mittag endlich in den Besitz des unentbehrlichen Nahrungsmittels gelangten. (...)

BILDZEILE: Hauptquartier der 77. Division. Französische Ansichtskarte aus der Besatzungszeit. Bei dem Gebäude handelt es sich um den Sitz des "Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund" an der Ecke Bismarckstraße/Friedrichstraße, das von den Franzosen okkupiert wurde.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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