Vor 100 Jahren: Brief-Porto kostet 100 Mark

Um Kohlenausfuhr zu verhindern werden Eisenbahnanlagen militärisch besetzt

0 01.02.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die in der damals weit verbreiteten Essener Volkszeitung erschienen.

Weitere Verhaftungen und Streik

Essen, 29. Januar 1923

Der Leiter des Finanzamtes Essen-Stadt, Oberregierungsrat Rode, wurde heute morgen um 11 Uhr ins französische Hauptquartier in Bredeney vorgeladen und ist bis heute nicht zurückgekehrt. Nach Mitteilung des städtischen Besatzungsamtes ist er ausgewiesen.

Heute mittag gegen 2 Uhr hatte der französische Kommandeur des Telegraphenwesens die Gewerkschaftsverreter der Beamtenschaft der Post und Telegraphie zu sich geladen, um sie zur Unterzeichnung einer Erklärung zu bewegen, in der sie sich den französischen Anordnungen fügen sollten. Dieses Ansinnen wurde abgelehnt. Die sechs Vertreter der Beamtenschaft wurden sofort verhaftet und in einem bereitstehenden Auto fortgeschafft. Wohin, weiß man nicht. Infolge dieses Vorgehens hat das Personal der Post und Telegraphie beschlossen, die Arbeit um 3 Uhr niederzulegen.

Dollarkurs am Dienstag, 29. Januar: 33 166,87 Mark (Samstag: 26 932,50 Mark)

Spielhölle ausgehoben

Die Kriminalpolizei hat am Sonntag früh um 6 Uhr in der 2. Etage des Hauses Gutenbergstraße in der Wohnung des Bergarbeiters Weirauch eine sog. Glücksspielhölle ausgehoben. 16 Personen, darunter 11 bekannte Spieler, wurden beim Glücksspiel angetroffen. 2 Kartenspiele und eine größere Summe Geldes wurden beschlagnahmt.

Zollgrenze trennt Revier vom Reich

Mittwoch, 30. Januar 1923: Das deutsche Volk steht vor dem zweiten Akt in dem furchbaren Drama, das sich gegenwärtig im Ruhrgebiet abspielt und worauf jetzt die Blicke der Welt spannungsvoll, wenn auch nicht überall hilfsbereit, gerichtet sind. Nach Pariser Blättern soll mit dem 31. Januar die Zollabschnürung des Ruhrgebietes ihren Anfang nehmen.

Und noch mehr Verhaftungen

Heute mittag 12 Uhr ist der Reichsbahndirektionspräsident Jahn und sein erster Stellvertreter Oberbaurat Pusch von den Franzosen verhaftet und unter militärischer Bedeckung mittels Automobils abgeführt worden, wohin, ist vorläufig unbekannt.

Das hiesige Post- und Telegraphenamt verharrt zurzeit (mittags) im Streik, der direkte Nachrichtenverkehr von bzw. nach Essen ist noch immer unterbunden.

Verdoppelung der Postgebühren

Durch die neue Erhöhung (zum 1. März 1923) kommt der gewöhnliche Fernbrief auf 100 Mark zu stehen, d. h. die Gebührensätze der Reichspost weisen gegenüber der Vorkriegszeit eine 1000-fache Erhöhung auf.

Grußverbot für Polizisten

Erlass des Ministers des Inneren: In Anbetracht der völkerrechtswidrigen Vorgehens der Franzosen und Belgier gegen die Bevölkerung und Beamten des neubesetzten rheinisch-westfälischen Industriebezirkes wird sämtlichen Polizeibeamten mit Einschluss der Landjäger verboten, die Offiziere und Fahnen fremder Heere zu grüßen.

Runder Geburtstag

Frau Witwe Johann Scholten, Essen-Borbeck, Kuhstraße 80, begeht am 1. Februar 1923 ihren 80. Geburtstag in völliger körperlicher und geistiger Frsiche. Ein Glückauf für noch viele Jahre!

Keine Kohle mehr ins Reich

Berlin, 2. Februar 1923: Die französische Regierung setzt die deutsche Regierung in Kenntnis, dass vom 1. Februar an keine Versendung von Kohle und Koks aus dem besetzten Gebiet nach dem übrigen Deutschland mehr stattfinden wird. Die Eisenbahnanlagen sind in der vergangenen Nacht militärisch besetzt worden.

(Von deutscher Seite) sind Maßnahmen für die Lebensmittelversorgung des Ruhrgebiets getroffen worden, für den Fall, dass größere Stockungen im Eisenbahnverkehr eintreten sollten.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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