Vor 100 Jahren: Borbecker Markt bekommt Bedürfnisanstalt

Aber der Kleinviehmarkt in Borbeck fällt flach: Kundschaft bleibt aus

0 29.11.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Irrsinnige Steigerung der Lebenshaltungskosten

Essener Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 29. November 1923. Die Reichsindexziffer für Lebenshaltungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung und Bekleidung) beläuft sich nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamtes für Montag, 26. November, auf das 1535-milliardenfache der Vorkriegszeit. Die Steigerung gegenüber der Vorwoche (831 Milliarden) beträgt demnach 84,7 v. H.

Das Pfund Nüsse zu 4 Billionen Mark

Der Wochenmarkt war erfreulich gut beschickt, litt aber unter dem kalten windigen Wetter, das die Käufer zu Eile zwang. Es gab seit langer Zeit wieder Kartoffeln, die aber wegen des hohen Standgeldes nur in einzelnen Säcken und auf kurzen Ständen feil geboten wurden. Schellfische gab es nur in kleiner wenig verlangter Ware, daneben waren etwas Seelachs und einige Schollen vorhanden und reichlich grüne Heringe, wie es schien in vorzüglicher Beschaffenheit. Zahlreiche Stände boten Äpfel in allen Sorten feil, auch Wal- und Haselnüsse waren vorhanden. Die Nüsse waren gut, aber der Preis von 4 und zweieinhalb Billionen schreckte die Käufer zurück.

Im Allgemeinen war der Preissprung nicht so hoch wie in den vorhergehenden Märkten, es ist aber immer noch eine starke Tendenz nach aufwärts vorhanden, die sich erst in der zweiten Wochenhälfte wieder recht unangenehm auswirken dürfte.

Kleinviehmarkt in Borbeck fällt flach

Der Kleinviehmarkt in Borbeck am zweiten Freitag jeden Monat findet infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Lage vorläufig nicht mehr statt. Der Markt ist in der letzten Zeit von den Händlern nicht mehr beschickt worden, weil es wegen der unerschwinglichen Preise an Käufern fehlte.

Vorsicht Falschgeld!

EAZ, Freitag, 30. November 1923. Es sind in den letzten Tagen gefälschte 10-Billionenscheine des Landkreises Essen in Umlauf gesetzt worden. Die Fälschung ist in der Hauptsache dadurch herbeigeführt, dass auf dem 10-Millionen-Schein das Wort Millionen in Billionen geändert worden ist. Da der Landkreis Essen bisher keine 10-Billionen-Scheine in den Verkehr gebracht hat, wird dringend vor Annahme derartiger Scheine gewarnt.

Essen verliert Tausende Einwohner

Nach der Zählung vom 10. Oktober, deren Ergebnis jetzt bekanntgegeben wird, waren in Groß-Essen am Zählungstage 467.014 Einwohner (gegen 475.772 im Jahre 1922), es ist also eine Bevölkerungsabnahme von 8758 Seelen zu verzeichnen.

Bergleute im Revier verdienen am besten

EAZ, Samstag 1. Dezember 1923. Für die Woche vom 26. November bis 3. Dezember 1923 wurden durch Schiedsspruch eines im Reichsarbeitsministerium tagenden Schlichtungsausschusses (die Schichtlöhne) wie folgt festgesetzt: für den Ruhrbergbau auf 4,20 Goldmark, für den Oberschlesischen Steinkohlenbergbau 3 Goldmark, für den sächsischen Steinkohlenbergbau 2,70 Goldmark und für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau 2,50 Goldmark. Hierzu treten für die einzelnen Reviere für jede in der vorerwähnten Woche verfahrene Schicht Zulagen in Höhe von 750 bis 1050 Milliarden Mark.

Weißes Hemd bricht alle Preisrekorde

EAZ, Sonntag, 2. Dezember 1923. Die Teuerung der einzelnen Gegenstände ist sehr ungleich. Nach einer Berechnung vom 5. November ist am teuersten das Waschen und Stärken eines Oberhemdes geworden. Es kostete 300 Milliarden Mal so viel wie im Frieden. Erst an zweiter Stelle kommen Braunkohlenbriketts und Roggenbrot mit dem 278,6-Milliardenfachen. Es kommt Gas mit 262 Milliarden, Erbsen 260, Streichhölzer 250 (...).

Die goldene Hochzeit begingen am 27. November die Eheleute W. Graflage, Essen-Borbeck, Borbecker Straße 160.

Borbecker Marktplatz neu gestaltet

Essener Allgemeine Zeitung, Dienstag 4. Dezember 1923. Den wirtschaftlichen Notwendigkeiten folgend ist auch unsere Stadtverwaltung seit der Besetzung im Januar dieses Jahres dazu übergegangen, die Erwerbslosenfürsorge wenigstens zum Teil produktiv zu gestalten und Notstandsarbeiten in größerem Umfange ausführen zu lassen. (...)

Ein weiterer großer Platz, der Borbecker Marktplatz, geht in etwa 14 Tagen seiner Vollendung entgegen. Auch hier ist eine Bedürfnisanstalt mit Unterkunftsräumen errichtet worden. Gleichzeitig hat die städtebauliche Eingliederung des Platzes in das Straßenbild größere Veränderungen im Gefolge gehabt.

Neuer Kanal im Möllhoven

EAZ, Mittwoch, 5. Dezember 1923. Außer den bereits dargestellten Notstandsarbeiten ist noch eine weitere Fülle von Arbeiten ausgeführt worden. Vor dem Beginn der Arbeiten waren die Abflussverhältnisse an einzelnen Stellen außerordentlich schlecht. Nach dieser Richtung sind bedeutende Verbesserungen vorgenommen worden.

Hier ist zum Beispiel zu nennen der Kanal Möllhoven in Borbeck. Dann ist ein sehr interessantes Bauwerk zur Ausführung gebracht worden, der sogenannte Sälzzerbachkanal, der als Rückhaltebecken für einen großen Teil der von Essen-West herabfließenden Abwässer dient.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

Zu den Bildern:

Großes Bild oben: Abbildung aus Spethmann, Der Ruhrkampf, Berlin 1933 g

Postkarte vom 30. November 1923. "Not kennt kein Gebot" schreibt eine Bittstellerin an einen Herrn Küster.  (Slg. A. Eickholt)

 

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