Vor 100 Jahren: Blutbad bei Krupp und Heizkosten steigen

0 04.04.2023

Blutbad bei Krupp

Essener Allgemeine Zeitung, Ostermontag, 2. April 1923. Die Stadt Essen ist am Tage vor dem Osterfest der Schauplatz einer furchtbaren Tragödie geworden. Französische Soldaten haben mitten in deutsche Arbeiter hineingeschossen, die friedlich gegen die Besetzung ihrer Arbeitsstätten demonstrierten. 43 Personen sind dadurch verletzt worden, zum größten Teil schwerverletzt, elf von ihnen sind bereits tot, und das Ableben einiger weiterer ist noch zu befürchten.

Auf Grund sorgfältiger Untersuchungen an Ort und Stelle, an Hand der Aussagen von Mitgliedern des Betriebsrates der Firma Krupp und anderer deutscher und ausländischer Augenzeugen ergibt sich folgendes Bild der verhängnisvollen Vorgänge:

Am Sonnabendmorgen gegen sieben Uhr besetzte eine französische Abteilung von einem Offizier und elf Mann die Kruppsche Kraftwagenhalle, die an der Altendorfer Straße, etwa hundert Meter schräg links vom Hauptverwaltungsgebäude liegt. Der Zweck der Besetzung war angeblich, einige Kraftwagen zu requirieren.

Im Einvernehmen zwischen Betriebsrat und Direktorium (wurden) gegen neun Uhr die Sirenen in Tätigkeit gebracht, und die Arbeiter kamen aus den Betrieben, um gegen den Eingriff zu demonstrieren. Kurz nach elf Uhr verstummten die Sirenen. Das war für die Arbeiter das Zeichen, in die Werkstätten zurückzukehren.

Nun stürmten aber kurz nach elf Uhr die Franzosen aus dem Toreingang der Garage, schwärmten in Schützenlinie aus, gaben einige Schreckschüsse ab,

schossen aber auch sofort mitten in die Menge hinein,

obwohl diese sich umwandte und den Weg freigab.

Als erstes fiel das Mitglied des Betriebsrates Zander, dessen Tod besonders tragisch ist, weil er die Leute dauernd zu beruhigen suchte.

Nach Mitteilung des Arztes, der die Toten und Verwundeten untersucht hat, ist allein in zehn Fällen einwandfrei erwiesen, dass die Leute Schüsse von hinten bekommen haben.

Die Namen der Toten sind

  • Franz Göllmann, Bürobeamter
  • Josef Zander, Dreher
  • Arthur Blum, Bürolehrling
  • Hermann Högemeier, Schlosserlehrling
  • Fritz Pieper, Schlosserlehrling
  • Walter Schwers, Maschinist,
  • Kasimir Janiak, Kraftwagenführer
  • Helmuth Seel, Hilfsarbeiter
  • Fritz Wichartz, Schlosserlehrling
  • Hans Müller, Schlosser
  • Ernst Mannertz, Bergmann.

Vier Direktoren verhaftet

EAZ, 2. April 1923. Am Ostersonntag haben die französischen Behörden anlässlich der Vorgänge auf den Kruppschen Werken vier Direktoren verhaftet.

Schüsse trafen von hinten

Essener Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 4. April 1923. Die Kruppsche Arbeitnehmerschaft ist gestern morgen um 10 Uhr in einen 24stündigen Proteststreik getreten. - Gestern morgen haben zwei französische Militärärzte mit Genehmigung der Firma Krupp die am Samstag Erschossenen einer eingehenden Untersuchung unterzogen und festgestellt, dass an den elf Toten mit Bestimmtheit 5 die tödlichen Schüsse von hinten erhalten haben. Außerdem sind fast die Hälfte der Schwerverletzten von hinten getroffen worden. Zwei Schwerverletzte schweben noch in Lebensgefahr.

Heizkosten steigen stark

EAZ, 4. April 1923. Nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamtes erhöhten sich die Ernährungskosten im März gegenüber Februar auf das 3315fache der Vorkriegszeit. Eine Reihe von Lebensmitteln haben sich nicht unwesentlich verbilligt. Andererseits wurden Butter und Milch teurer, besonders erhöhten sich die Kosten für Wohnung, Heizung und Beleuchtung. 

Die alte Dellwiger Kanalschleuse auf einer zeitgenössischen Postkarte. Ein französischer Soldat berichtet auf der Rückseite davon, dass er mit seinen Kameraden binnen acht Tagen 30 Schiffe der boches (frz. Schimpfwort für Deutsche) beschlagnahmt hat. - Offenbar war der Postkartenverlag nicht ganz sattelfest in Sachen Ortsangaben und verlegte die Schleuse kurzerhand nach Bottrop.

Öffentliche Beerdigung der Opfer

EAZ, Donnerstag, 5. April 1923. Der Kommandierende General Jacquesmot in Essen hat gestern an die Gewerkschaften ein Schreiben gerichtet, mit der Mitteilung, sich nicht der öffentlichen Bestattung der am 31. März gefallenen Arbeiter zu widersetzen, unter der Bedingung, dass die Ordnung nicht gestört werde. Die Ereignisse seien nicht durch die Arbeiter selbst verursacht worden, sondern "durch die Vertreter des Kapitalismus, die die Arbeiter gegen die Soldaten aufgehetzt hätten."
Die Leitung des Deutschen Volksopfers hat der Firma Krupp in Essen zur Linderung der ersten Not der Opfer der Essener Tragödie 20 Millionen Mark überwiesen.

Zwei weitere Todesopfer

EAZ, 5. April 1923. Im Kruppschen Krankenhause ist an den Folgen seiner schweren Verletzungen der Schlosser Emil Roesner gestorben. Der Arbeiter Heinrich Niemeyer hatte während der aufregenden Szenen am Samstag einen Schlaganfall erlitten und ist am Dienstagnachmittag verschieden. Es sind deshalb 12 bzw. 13 Tote zu beklagen.

Grauenhafte Bluttat

Niederrheinische Nachrichten, Sonntag, 8. April 1923. Eine grauenhafte Bluttat hat die Bevölkerung in Schonnebeck bei Essen in Aufregung versetzt. Dort ist der 50 Jahre alte Bergmann Heinrich Schier, der von seiner Ehefrau getrennt lebte, aus Eifersucht von seiner 41 Jahre alten Haushälterin Katharina Plate mit einem Beil im Schlafzimmer erschlagen worden. Die Täterin versuchte darauf Selbstmord zu verüben, indem sie Kleesalz nahm. Als der Selbstmordversuch nicht gelang, blieb sie noch bis zum folgenden Morgen in der Wohnung und setzte dann Verwandte in Kenntntis, die die Kriminalpolizei benachrichtigten. Die Täterin, die ihrem Opfer in blinder Wut den Kopf bis zur Unkenntlichkeit mit dem Beil zerschlagen hatte, wurde verhaftet.

Farbenfrohes Glückaufhaus

Niederrhein. Nachrichten, 8. April 1923. Auf Veranlassung des Essener Architekten- und Ingenieurvereins hatte gestern der Beigeordnete Bode zu einer Besichtigung seiner Schöpfung, des imponierenden Bürohauses an der Friedrichstraße, eingeladen. Der kolossale Bau ist auf einem Dreieck errichtet, dessen spitzer Winkel nach der Bismarckstraße ausläuft. (...) Beigeordneter Bode hat Recht gehabt, wenn er in dieser düsteren Zeit das Innere des Bürohauses farbenfroh und abwechslungsreich ausgestaltet hat. Jeder Flur der einzelnen Stockwerke hat eine andere Farbe.

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