Vor 100 Jahren: Bewährung für gefährlichen Messerstecher

Wucher bei Weihnachtsbäumen? Polizei beschlagnahmt die Ware von den Händlern und verkauft die Bäume selber

0 13.12.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Harte Einschnitte bei der Reichsbahn

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Donnerstag, 13. Dezember 1923. Unter den Arbeitern des besetzten Gebietes, die bei der Reichsbahn gegen Lohn angestellt sind, herrscht beträchtliche Erregung über einen am 29. November herausgegebenen Erlass des Reichsverkehrsministeriums, in dem gesagt wird, die Arbeiter des französisch-belgisch besetzten Gebietes sind bis zum 31. Dezember dieses Jahres restlos zu entlassen. Die Lohnzahlungen müssen mit Ablauf dieses Zeitpunktes auch in den Fällen eingestellt werden, in denen es nicht möglich ist, den Bediensteten die formelle Kündigung rechtzeitig zuzustellen.

Ein gefährlicher Messerheld

Ausschreitungen übelster Art, die unter der Einwirkung allzu reichlich genossenen Alkohols begangen worden sind, beschäftigten gestern die Strafkammer in einer Verhandlung gegen den Schachtmeister Michael Pesch aus Essen-West.

Der Angeklagte befand sich am Abend des 7. April in stark angetrunkenem Zustande in der Gastwirtschaft Esser an der Altendorfer Straße und suchte die Gäste zu belästigen. Unter diesen befanden sich auch die Schlosser Heinrich Sievers und Gerhard Ernst. Beide verließen die Wirtschaft, als sie merkten, dass der Angeklagte auch mit ihnen Händel anfangen wollte. Sie hielten sich aber noch eine Weile vor dem Lokal auf. Mittlerweile verließ auch der Angeklagte die Wirtschaft. Als er die beiden Leute draußen erblickte, zog er das Messer, fuchtelte damit in der Luft herum und rief ihnen drohend die Worte zu: Kommt heran, ihr Lumpen, wenn ihr Mut habt! Die Leute gingen dann auf den Angeklagten zu, der sofort auf Sievers mit dem Messer losstach und ihn an der Hand verletzte.

Als Ernst seinem Freunde zu Hilfe eilen wollte, wurde auch er von dem Angeklagten mit dem Messer angefallen. Er erhielt einen Stich in die Schulter. Inzwischen hatte sich Sievers wieder gegen den Angeklagten gewandt. Bei dem Handgemenge, das jetzt entstand, stürzte Sievers zu Boden. Der Angeklagte fiel über ihn her, um den wehrlos am Boden liegenden Menschen weiter mit dem Messer zu bearbeiten. In diesem Augenblick kamen andere Personen hinzu, worauf der Angeklagte sich schleunigst aus dem Staube machte und das Messer fortwarf.

Das Schöffengericht hatte den gewalttätigen Burschen wegen gefährlicher Körperverletzung zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, die Strafverbüßung jedoch gegen Zahlung einer Geldbuße von 50 Goldmark auf 3 Jahre ausgesetzt. Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Berufung ein. In der Verhandlung vor der Strafkammer suchte er seine Untat mit dem Einwand zu entschuldigen, er sei sinnlos betrunken gewesen. Damit fand er keinen Glauben. Die Strafkammer war der Ansicht, dass die vom Schöffengericht verhängte Strafe noch zu milde ist und verwarf die Berufung auf Kosten des Angeklagten. Die Geldbuße aber wurde auf 80 Goldmark erhöht.

Holländische Hilfe für Essen

EAZ, Freitag, 14. Dezember 1923. Das niederländische Rote Kreuz wird, wie aus Amsterdam gemeldet wird, vom 17. bis 24. Dezember in ganz Holland eine Sammlung veranstalten, von deren Ergebnis Zweidrittel der notleidenden deutschen Bevölkerung und ein Drittel den in Deutschland lebenden Holländern zugute kommen sollen. Am Mittwoch ist aus Rotterdam der erste Rote-Kreuz-Zug nach Deutschland abgegangen, welcher Lebensmittel für die deutschen Küchen in Berlin und Essen im Werte von (unleserlich) Gulden mit sich führt. 8000 Kilogramm Kleider gehen mit demselben Zuge ab.

Moralische Verwilderung

EAZ, Samstag, 15. Dezember 1923. Bezeichnend für die Zügellosigkeit und sittliche Entartung, die in den heutigen Tagen um sich gegriffen hat, ist der letzte Bericht der Essener Sittenpolizei. Danach sind im Laufe der Woche nicht weniger als 70 liederliche Frauenspersonen, die sich in Essen umhertrieben, aufgegriffen worden. Unter ihnen befinden sich mehrere ganz jugendliche Mädchen. 34 von den Frauenspersonen waren krank und mussten den städtischen Krankenanstalten überwiesen werden.

Preiswucher bei Weihnachtsbäumen

EAZ, Sonntag, 16. Dezember 1923. Es ist festgestellt worden, dass auch in diesem Jahre wieder einzelne Händler versuchen, beim Verkauf von Weihnachtsbäumen einen übermäßigen Gewinn zu erzielen. Wie uns die Wucherzentrale beim Polizeipräsidium schreibt, wird solchen Versuchen mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Die Händler haben bei ihren Preisforderungen lediglich nach den Gestehungskosten mit einem angemessenen Verdienst zu kalkulieren. Fantasiepreise werden nicht geduldet.

Um eine schnelle und einwandfreie Preiskontrolle durchführen zu können, wird den Händlern empfohlen, die Einkaufsrechnungen stets bei sich zu führen. Personen, die übermäßige Preise fordern, haben zu gewärtigen, dass die Weihnachtsbäume beschlagnahmt und durch die Polizei verkauft werden.

Dichtes Gedränge auf Limbecker und Kettwiger

EAZ, Dienstag, 18. Dezember 1923. Der vergangene Sonntag hatte sich bereits vormittags in ein feuchtes nebelgraues Gewand gehüllt und einer rechten Sonntagsstimmung, wie sie besonders dem silbernen eigen sein sollte, die Flügel beschnitten. (Silberner Sonntag = vorletzter verkaufsoffener Sonntag vor Weihnachten.) Der feine Dauerregen des Nachmittags hatte ein übriges getan, so dass man füglich hätte annehmen können, die Straßen würden verlassen daliegen und die Geschäfte friedlich schlummern.

Statt dessen herrschte schon von den frühen Mittagsstunden ab in den Verkehrsadern der Geschäftsstadt, vor allem in der Kettwiger und Limbecker sowie in den angrenzenden Straßen lebhafte Bewegung, die sich am Limbecker Platz ungewöhnlich verstärkte und die Polizei zwang, mit geschickter Hand rechts von links zu scheiden. Die Massen fluteten hin und wieder, wandten sich hier- und dorthin, angelockt durch die prächtigen Auslagen, die im strahlenden Lichte der elektrischen Lampen ein farbenprächtiges leuchtendes und zumeist auch geschmackvolles Gewand zur Schau trugen. (...)

Bergwerke an der Straße

Steele. Die an der Bredeneyer Straße (heute: Westfalenstraße) zu Tage tretenden Kohlenflöze werden zurzeit von Leuten, welche keinen Schürfschein besitzen, fleißig abgebaut. Dabei werden Felsstücke gesprengt und Bäume in die Tiefe geschleudert, um zu den Kohlen zu gelangen. Um ungestörter arbeiten zu können, hat man Posten aufgestellt, die beim Nahen der Polizei einen Pfiff abgeben, worauf die gesamte Belegschaft verschwindet. Die dort gewonnene Kohle ist von solch schlechter Beschaffenheit, dass sie als Heizmaterial kaum angesehen werden kann. Immerhin ist sie aber bei der allgemeinen Kohlenot zu gebrauchen.

Zum Bild: "Französisches Räubern von Koks auf der Fried. Krupp A.-G. Gußstahlfabrik in Essen." (Aus: Spethmann, Der Ruhrkampf 1923 – 1925, Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1933)

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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