Vor 100 Jahren: Jäger aus der Pfalz in der Schönebecker Schweiz

Und die Borbecker Prozession wird geplant

0 10.05.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Bewaffnete Arbeiter machen Ärger

Essener Volkszeitung, Sonntag, 6. Mai 1923. Steele. Die auf der Zeche Johann Deimelsberg für die Franzosen tätigen Arbeiter können seit einigen Tagen nach Schluss der Arbeit frei umhergehen. Die Gelegenheit benutzen die mit Waffen ausgerüsteten Personen, um Roheitsakte auszuführen. So betraten gegen Abend eine Anzahl dieser Arbeiter in schmutzigen Kleidern in Begleitung einer Frauensperson das Café Röcker und verlangten Getränke, die ihnen verweigert wurden. Nur dem zufälligen Hinzukommen besonnener Personen ist es zu verdanken gewesen, dass Ausschreitungen nicht vorgekommen sind.

Bei Vandalismus droht Todesstrafe

EVZ, 6. Mai.Von der Polizeiverwaltung wird uns geschrieben: In letzter Zeit wiederholen sich die Fälle, in denen Zerstörungen an Eisenbahnen, Telegraphenleitungen, Brücken u. a. vorgenommen werden. Es wird erneut darauf hingewiesen, dass seitens der Besatzung für derartige Straftaten die schwersten Strafen (sogar die Todesstrafe) angedroht sind.

Zucker bleibt Luxus

EVZ, 6. Mai. Die Hauptgeschäftsstelle des Zuckerverkehrs 1922/23 gibt bekannt, dass im Monat Mai je Kopf der Bevölkerung 2 Pfund Mundzucker zur Verteilung kommen. Die Mai-Zuckermarken A und B dürfen demnach mit je 1 Pfund Mundzucker beliefert werden. Eine weitere Belieferung auf Sondermarken ist für den Monat Mai nicht vorgesehen.

Bahnplanung dauerte 20 Jahre

EVZ, 6. Mai. Nach zwanzigjähriger Verhandlung sind die Beratungen über den Bahnbau Essen-Haltern beendet worden, so dass die Ausführung des Projekts nähergerückt ist. Das Eisenbahnministerium hat sich für die Linienführung über Buer entschieden.

Baracken für Schule Borbeck 3

EVZ, 6. Mai. Stadtverordnetensitzung zu Essen. Für die Aufstellung von zwei zweiklassigen Baracken auf dem Schulgrundstück der katholischen Schule Borbeck 3 (heute: Möllhovenschule) werden 1 678 987 Mark nachbewilligt.

15 Jahre Gefängnis für Krupp

EVZ, Mittwoch, 9. Mai 1923. Nach mehr als zweistündiger Beratung wurde um 6 Uhr im Krupp-Prozess das Urteil gesprochen. Es erhielten:

Herr Krupp von Bohlen und Halbach 15 Jahre Gefängnis und 100 Millionen Mark Geldstrafe

(Es folgt eine Liste neun weiterer Verurteilter, unter ihnen Direktor Schraepler, nach dem die Schraeplerstraße in Borbeck benannt ist; er wurde zu 20 Jahren Gefängnis und 100 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt.)

Die Angeklagten sind sowohl eines Komplotts als auch der Störung der öffentlichen Ordnung für schuldig befunden worden.

Das Urteil verbreitete sich im Augenblick in der Stadt und wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Verurteilten nahmen das Urteil mit mannhafter Festigkeit entgegen.

Schon während der Nachmittagsverhandlung tauchten in den Straßen der Stadt Kavalleriepatrouillen auf.

Gegen das Urteil ist Revision angemeldet worden, die wahrscheinlich schon am nächsten Freitag vor dem Revisionshof zu Düsseldorf zur Verhandlung kommen wird.

Keine Verbrecher, sondern anerkannte Ehrenmänner haben in Werden auf der Anklagebank gesessen.

"Roheste Unterdrückung des Rechts"

EVZ, 8. Mai 1923. Der Reichspräsident (Friedrich Ebert) hat an das Direktorium und den Betriebsrat der Kruppwerke in Essen folgendes Telegramm gerichtet:

"Aufs tiefste empört erhalte ich die Nachricht von dem Machtspruch des französischen Militarismus (...) Dieser jeder Menschlichkeit Hohn sprechende Gewaltakt wird überall, wo noch Gefühl für Recht und Gerechtigkeit besteht, mit Entrüstung und Verachtung aufgenommen werden, und in der Geschichte der Völker als eines der hässlichsten Beispiele rohester Unterdrückung des Rechts durch brutale Gewalt weiter leben."

Reichskanzler Cuno an das Direktorium und den Betriebsrat von Krupp: "Der Werdener Spruch kann die Schuld am Essener Arbeitermorde nicht von den der Welt bekannten schuldigen französischen Machthabern verrücken, an deren Stelle nun Krupp und die Mitverurteilten büßen sollen."

Prozession in Borbeck

Essen-Borbeck, 8. Mai 1923. Die große Prozession findet am Sonntag statt. Wegen der Ausschmückung der Schloßstraße werden die katholischen Anwohner vom Fliegenbusch und den angrenzenden Straßen gebeten, am Donnerstag (Christi Himmelfahrt), nachmittags 5 Uhr, zu einer Besprechung sich einfinden zu wollen im Lokale des Wirtes Hermann Hausmann, Fliegenbusch.

Franzosen besetzen Anschlussstrecken

EVZ, Donnerstag, 10. Mai 1923 (Christi Himmelfahrt). Da die bisher von französischer Seite durchgeführten Maßnahmen zum Abtransport der Haldenbestände an Koks und Kohlen nicht den geringsten Erfolg hatten, sind an mehreren Stellen Eisenbahnanlagen und insbesondere Bahnstrecken mit Anschlussgeleise militärisch besetzt worden.

Heute vormittag besetzten die Franzosen von der Gewerkschaft Zollverein die Schachtanlagen 4/5 in Katernberg, rissen die Anschlussgeleise auf und nahmen von mehreren Schulen Besitz.

Krupp-Betriebsrat: Protest durch Arbeitsniederlegung

EVZ, 10, Mai 1923. Die heutige Sitzung beschloss als Protest gegen das unerhörte Urteil des französischen Kriegsgerichtes, Freitag vormittags von 11 bis 4 Uhr die Arbeit ruhen zu lassen. Gleichzeitig ersuchen wir die Betriebsräte in allen anderen Essener Betrieben und Geschäften, auf völlige Arbeits- und Verkshrsruhe zu der gleichen Zeit hinzuwirken.

Der Dollarkurs 40373,81 Mark. Mittwoch 37675,57 Mark

Buße für Sabotage: 40 Millionen

EVZ, Samstag, 12. Mai 1923. General Degoutte hat der Stadt Essen wegen angeblich erfolgter Sabotagen an den Telegraphenlinien der Eisenbahnstrecke Essen-Hügel und Essen-Süd eine Geldbuße von 40 Millionen Mark auferlegt.

Ganz Essen steht still

EVZ, Samstag, 12. Mai 1923. Auf eine Anregung der vereinigten Gewerkschaften vollzieht sich mit bewunderungswürdiger Einmütigkeit die Geschäfts- und Arbeitsruhe in dem gesamten Gebiet der Großstadt Essen. Um 11 Uhr soll die Arbeitsruhe einsetzen. Schon lange vor dieser Zeit schließen die Geschäfte und Hotels, die Fenster werden verhangen, sämtliche Gymnasien, Lyzeen und Volksschulen entlassen um 10.30 Uhr die Schüler. Punkt 11 Uhr heulen die Sirenen der Fabriken und geben das Zeichen zur Arbeitseinstellung. Ihren Höhepunkt erreicht die eindrucksvolle Kundgebung, als Punkt 12 Uhr in den menschenleeren Straßen auch die elektrischen Straßenbahnwagen für eine Viertelstunde stehen bleiben.

Jäger aus der Pfalz in der Schönebecker Schweiz

Kirchenchor Schönebeck. Die bekannte dreiaktige Volksoperette "Der Jäger aus der Pfalz" wird am heutigen Abend bei Schuh in Schönebeck (Restaurant "Zur Schönebecker Schweiz") erstmalig zur Aufführung gebracht. Beginn 7.30 Uhr. Der Reinertrag kommt wohltätigen Zwecken zugute.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

Bildzeile zur Postkarte von Krupps: Neue Eskalation in der deutsch-französischen Fehde um das Ruhrgebiet: Ein französisches Militärgericht verurteilt Gustv Krupp von Bohlen und Halbach – hier mit seiner Frau Berta auf einer zeitgenössischen Postkarte – zu 15 Jahren Gefängnis. Man wirft ihm und seinen Direktoren vor, die Schießerei, bei der am Karsamstag 13 Arbeiter getötet wurden, verursacht zu haben. Die Soldaten hätten in Notwehr gehandelt, weil man die Arbeiter gegen sie aufgewiegelt habe.

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