Vor 100 Jahren: Arbeiter am Sammelbahnhof erschossen

Und Krupp ist im Gefängnis abgemagert

0 22.06.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Bahnfahren schon wieder teurer

Essener Volkszeitung (EVZ), Donnerstag, den 21. Juni 1923. Abermalige Erhöhung der Straßenbahntarife. Zufolge Schiedsspruch des Reichskommissars zu Dortmund vom 15. Juni erhält das Personal der Essener Straßenbahn ab 16. d. M. eine Lohnerhöhung auf 5700 Mark pro Stunde, hinzu tritt die Erhöhung des Hausstands- und Kindergeldes um je 200 Mark pro Arbeitstag. Es entstehen hierdurch Mehrausgaben im Betrage von monatlich 666 727 000 Mark. (...) Die Straßenbahnverwaltung will danach die Fahrpreise wie folgt festsetzen: 1 und 2 Teilstrecken 900 Mark, 3 und 4 Teilstrecken 1200 Mark (...)

Beispiellose Räubereien

EVZ, Freitag, 22. Juni 1923. Die beispiellosen Räubereien, die in den letzten Wochen auf den Kruppschen Lagerplätzen am Emscherkanal fortgesetzt von zahlreichen Banden verübt worden sind, beschäftigen noch immer eifrig die Polizeibehörden und den Kruppschen Oberwachdienst. Tag für Tag werden in Essen und den umliegenden Orten größere Vorräte an zerschnittenen Panzerplatten, mächtigen Rohren und anderen Materialien aufgestöbert, die von dem Kruppschen Gelände gestohlen worden sind. Erst gestern ist auf Althändlerlagern in Borbeck wieder eine Ladung zerschnittener Panzerplatten im Werte von 40 Millionen Mark beschlagnahmt worden.

Seinen 80. Geburtstag begeht am 24. Juni der Berginvalide Theodor Hausmann, Erlenhagen 23 wohnhaft. Er ist von einer besonderen Rüstigkeit, deren er sich noch lange erfreuen möge.

Ein Ei kostet 1200 Mark

Die Preise für Eier haben eine Höhe erreicht, die in keinem Falle mehr den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Denn selbst wenn man die innere Entwertung des Geldes in vollem Maße in Rechnung stellt, erscheint unter keinen Umständen ein Preis von 1000 bis 1200 Mark und mehr für ein Ei als gerechtfertigt.

Samstag, 23. Juni 1923. Dollarkurs 135 660,- Mark

Neuorganisation der Lebensmittelzufuhr

Die Reichsbahnverwaltung hat, um den französischen Versuchen einer Lebensmittelsperrung im Ruhrgebiet zu begegnen, die Zufuhr von Lebensmitteln nach dem Einbruchsgebiet neu organisiert. Ein dichtes System von ringförmig liegenden Zufuhrbahnhöfen im unbesetzten Gebiet an der Grenze des Einbruchsgebiets übernahm die verstärkte Zufuhr von Lebensmitteln, welche von diesen Bahnhöfen aus durch Lastautos und andere Beförderungsmittel weitertransportiert werden.

Von Panik ergriffen

Die Essener Einzelhändler bitten um Verständnis: Es kann bei der Warenknappheit, bei der Unterbindung fast aller Verkehrswege geschehen, dass in 48 Stunden ein Geschäft seine Vorräte ausverkauft hat. Das Publikum ist bei dem Marktsturz wie von einer Panik ergriffen. Es kauft und kauft. Seit acht Tagen ist der Butterpreis um 100 Prozent gestiegen. Es gibt schon eine Anzahl Waren, die der Einzelhandel nicht mehr anbieten kann, weil ihm die Betriebsmittel fehlen, weil die Banken für ihre Kredite unglaubliche Zinsen nehmen und Frachten und Steuern seit 1918 die Waren unerhört verteuerten. Seit acht Tagen streikt die deutsche Fischerflotte an der Nordsee, nur noch 12 Dampfer sind draußen; wenn sie die Häfen erreicht haben, hört mit dem Fischfang die Fischversorgung der Bevölkerung auf. (...)

Arbeiter am Sammelbahnhof erschossen

EVZ, Sonntag, 24. Juni 1923. Essen-Borbeck, 23. Juni 1923. Heute vormittag 4 Uhr wurde in der Nähe des Güterbahnhofs Frintrop der Arbeiter Hugo Schulz, Helmstraße, von einem französischen Posten erschossen.

Borbecker Turnfest fällt ins Wasser

Männer-Turnverein Borbeck. Wegen des anhaltenden Regenwetters musste das Bezirksfest im Schloss Borbeck verlegt werden und findet voraussichtlich erst am 12. August statt.

Frühling war viel zu nass

EVZ, Dienstag, 26. Juni 1923. Zur Witterung schreibt das Meteorologische Observatorium Essen: Überaus feucht und kühl gestaltet sich in diesem Frühling und Vorsommer die Witterung im ganzen westlichen Europa. (...) Für die nächsten Tage ist mit einer wesentlichen Witterungsveränderung noch nicht zu rechnen. Seit dem Bestehen der meteorologischen Beobachtungen zu Essen (21 Jahre) war der Mai 1923 der feuchteste und kühlste. (...)

Krupp im Gefängnis abgemagert

Der Vertreter der "Daily Mail" in Düsseldorf berichtet über das Leben Krupp von Bohlen-Halbachs und seiner Direktoren im Gefängnis. Er sagt: Sie werden wie gewöhnliche Gefangene behandelt. Sie erhalten Gefängniskost und stehen unter besonderer Aufsicht eines alten Strafaufsehers, eines Korsen. Die Gefangenen ertragen die Gegenwart dieses Mannes schwerer als das Gefängnis an sich. Krupp ist magerer geworden, er denkt viel an seine Familie und spricht mit den anderen Strafgefangenen über Deutschlands Zukunft.

Junge Frau überfallen

Mittwoch, 27. Juni 1923. Am Samstag abend 10.30 Uhr wurde die Ehefrau des Bergmanns O. T. aus Schonnebeck, als sie sich nach einer Reise auf dem Wege von Kray nach Schonnebeck befand, von einem französischen Eisenbahner in Zivil und 10 Soldaten überfallen, misshandelt und vergewaltigt. Der jungen, erst 17jährigen Frau, wurde das Gepäck mit Lebensmitteln und Bekleidungsstücken im Werte von etwa 1 Million Mark, ferner 98000 Mark in bar abgenommen.

Donnerstag, 28. Juni 1923. Dollarkurs 152 617,- Mark

Kopfkissen bei der Kripo

Beschlagnahmtes Diebesgut. In Verwahrung der Essener Kriminalpolizei befinden sich 3 Meter Handtuchstoff, blaukariert, und 2 rote Federkopfkissen. Die Gegenstände rühren vermutlich aus einem Diebstahl her. Die Eigentümer können sich in den Vormittagsstunden beim II. Kriminal-Kommissariat in den Ausstellungshallen bezw. im Polizeirevier 6 melden.

Vier Pfund Brot pro Kopf

EVZ, Freitag, 29. Juni 1923. Eine weitere Erhöhung der Preise für Markenbrot ist infolge erheblicher Steigerung der Herstellungskosten notwendig geworden. Die Brotration wird angesichts der durch die Kartoffelknappheit hervorgerufenen Ernährungsschwierigkeiten bis zum Aufbrauch der ersparten Mehlmengen auf 4 Pfund pro Kopf und Woche erhöht.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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