Vor 100 Jahren: Sabotage an der Nöggerathstraße

Bahndamm fliegt in die Luft

0 10.08.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Zollverein-Kumpel fordern doppeltem Lohn

Essener Allgemeine Zeitung, Sonntag, 5. August 1923. Freitag abend fand in Katernberg eine sehr stark besuchte Belegschaftsversammlung der Zeche Zollverein statt. Auf der Tagesordnung standen die Forderungen der Bergleute. Der Betriebsrat der Zeche Zollverein verlas die Forderungen. Der erste Punkt war die Erhöhung der Gehälter um 100% des Juligehaltes, was inzwischen schon bewilligt ist. Zweitens wurde der Antrag gestellt, die Lohnabrechnungsfristen soweit wie eben möglich zu verkürzen, das heißt die Restlohnzahlungen, die erst einen Monat nach den letzten Schichten ausgezahlt werden. Weiter wurde mit allem Nachdruck ein Bergarbeiterkongress gewünscht. Ferner wurde eine einmalige Vorauszahlung von 5 Millionen beantragt.

Neuer Versuch zur Ausbeutung der Bergwerke

EAZ, Dienstag, 7. August 1923. In dem Bestreben, angesichts der bevorstehenden Erschöpfung der Brennstofflager im Ruhrrevier dem drohenden gänzlichen Versiegen der Brennstofflieferung von der Ruhr nach Frankreich und Belgien zu begegnen, hat der Oberkommandierende der Besatzungstruppen eine neue Verordnung Nummer 57 erlassen, wonach die Interalliierte Kommission der Hütten- und Bergwerke das Recht hat, von den Bergwerken und industriellen Anlagen mit allen dazugehörigen Grundstücken und Gebäuden wie auch den Arbeiterhäusern Besitz zu ergreifen. Die Betriebs- und Transportkosten sollen der deutschen Regierung zur Last fallen.

Zuwiderhandlungen gegen die Befehle der Kommission werden mit Geldstrafe bis zu 5 Milliarden und Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren bedroht, Sabotageakte mit Strafen bis zu 20 Jahren Gefängnis und 5 Mrd Mark belegt werden; wenn Menschen dadurch umkommen oder gefährdet wurden, tritt Todesstrafe oder 10 jährige Zwangsarbeit ein.

Die Ausübung der Polizeigewalt in den Bergwerken und der Erlass der Sicherheitsvorschriften geht von der deutschen Verwaltung auf die Interalliierte Kommission über. Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmungen werden mit Geldstrafen bis zu 5 Milliarden und 5 Jahren Gefängnis bedrohtt.

Die Franzosen besetzten Zeche Helene Amalie und rissen die Anschlussgleise auf.

Zollverein besetzt. EAZ, 7. August 1923. Nachdem Katernberg in den letzten Tagen unter starkem Truppenaufgebot von den Franzosen besetzt worden ist, wurden Freitagnachmittag die Schachtanlagen der Zeche Zollverein 1, 2 und10 von ihnen besetzt. Der Grund hierfür ist unbekannt. Als um 5.30 Uhr die Bergleute vor der Kohle davon erfuhren, legten sie ihre Arbeit nieder, da sie nicht willens sind, unter französischer Besatzung zu arbeiten und den passiven Widerstand nicht aufgeben wollen. An den Eingängen der Zechen und Bahnverbindungen steht jetzt zum ersten Mal auf Zollverein ein Posten. Schacht 4, 5, 6 wurden nicht besetzt. Wegen der Besetzung wurde auf den davon betroffenen Schächten gestern nicht gearbeitet.

"Das Geld ist schwerer als der Kohl, den sie gekauft haben."

Essener Wochenmarkt am 4. August 1923. Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Märkten machte der Samstagsmarkt wieder ein freundlicheres Gesicht. Es war wieder alles vorhanden, teilweise reichlich. Auch die Nachfrage nach Kartoffeln konnte voll befriedigt werden. Eier wurden weniger stark verlangt als sonst. Der Rollschinken hat die Rekordzahl von 300000 Mark erreicht. Butter kletterte auf 260000 Mark. Ganz besonders zeichnen sich jedoch die Textilien aus. Die 1000-Meter-Rolle Nähgarn stieg auf 240000 Mark (von 55000 Mark am 25. Juli) , Strickwolle kostete 250000 Mark die 50 Gramm (65000 Mark am 25. Juli). Die Kauflust war äußerst rege. Eine Händlerin meinte schmunzeld, als sie ein dickes Geldpaket in ihrem Kasten verschwinden ließ: "Das Geld ist schwerer als der Kohl, den sie gekauft haben."

Versuchtes Sprengstoff-Attentat

EAZ, 7. August 1923. Eine Sprengung wurde in der Sonntagnacht in Essen versucht. Um 11 Uhr nachts fanden 2 Zivilpersonen in einer Fensternische des Kohlensyndikates, in dem sich die französische Ortskommandatur befindet, ein Paket mit einer Sprengstofffüllung, das mit einem Zeitzünder versehen war. Das Paket wurde in das Syndikatsgebäude gebracht, wohin sich auch sofort 3 Beamte der uniformierten Essener Polizei, die von dem Funde gehört hatten, begaben. Der Zünder wurde unter Mithilfe eines der deutschen Beamten entfernt.

Unmittelbar nach Auffindung des Sprengstoffpakets wurde von der französischen Besatzungsbehörde ein in Kray wohnhafter, aus Castrop gebürtiger 22-jähriger junger Mann unter dem Verdachte der Täterschaft festgenommen. Nach den Mitteilungen der französischen Behörde soll der Festgenommene tatsächlich der Täter sein.

Der Polizeipräsident erlässt folgende Bekanntmachung: Die französische Besatzungsbehörde hat folgendes angeordnet: Vom 6. August an ist der Nachtverkehr in der Zeit von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens in dem von den Straßen Schillerstraße, Rellinghauser Straße, Gutenbergstraße, Wiesenstraße, Heinickestraße begrenzten Viertel einschließlich dieser Straßen verboten. In dem oben genannten Stadtviertel können zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nur diejenigen deutschen Zivilpersonen verkehren, welche mit einem Erlaubnisschein des Kommandanten versehen sind.

Sabotage: Bahndamm fliegt in die Luft

EAZ, 7. August 1923. In der Nacht zum Sonntag kurz nach 1 Uhr wurde der Versuch gemacht, den Bahndamm der Strecke Essen-Mülheim durch Sprengung zu zerstören.

Westlich vom Bahnhof Essen-West in der Nähe der Nöggerathstraße wurde an einer ziemlich einsamen Stelle in einem Wasserdurchlass Sprengstoff zur Entzündung gebracht. Der Bahndamm wurde zu einem kleinen Teil zerstört, das Anschlussgleis der Zeche Hagenbeck hängt zum Teil frei in der Luft während der übrige Bahndann sich etwas gesenkt hat. Der von den Franzosen betriebene Dienst der Züge Mülheim-Essen erleidet keine Störung. In den wenigen Häusern, die in der Nähe des Tatortes liegen, wurde durch den Luftdruck eine Zahl Scheiben zertrümmert. Die Bewohner dieser Häuser müssen bis auf Weiteres von 8 Uhr abends ab zu Hause sein.

BV Stoppenberg bezwingt Schalke 74/96 mit 7 zu 2 Toren

EAZ, 7. August 1923. Zum ersten Mal wieder mit seiner alten Elf spielend, bewies der BV Stoppenberg am Sonntagnachmittag gegen Schalke 74/96, dass er auch noch immer der alte gefürchtete Gegner ist. Er gestaltete das Treffen durchweg überlegen und erzielte ein Ergebnis, das den Kräfteverhältnis der Parteien durchaus entspricht. Besonders gefährlich wurde den Gästen der Halblinke, auch Krawinkel, der jetzt wieder in Stoppenberg weilt, arbeitete sehr gut. Die Schalker brachten einen guten Mittelstürmer und Mittelläufer mit. Die Gäste gefielen im Übrigen durch ihre vornehme und auch technisch schöne Spielweise, der aber nur die notwendige Durchschlagskraft fehlt, die aber ist bekanntlich bei Stoppenberg in vorbildlichen Maße vorhanden. Das befriedigende Treffen hatte eine ansehnliche Zuschauermenge und einen einwandfreien Leiter.

Misslungener Kuhhandel

EAZ, Mittwoch, 8. August 1923. Ein Viehhändler aus Kettwig vor der Brücke forderte für eine Kuh einhundert Millionen Mark, während die Prüfungskommission den Wert nach den neuesten Marktpreisen auf 81 Millionen Mark festsetzte. Die Überforderung wurde als Wucher angesehen und das Tier beschlagnahmt. Es soll für Rechnung der Stadt geschlachtet werden. Den Viehhändler wird außerdem noch eine empfindliche Strafe treffen.

Steele. Unglücksfall im Bergbau. Auf der Zeche Johann Deimelsberg wurde der Bergmann Heine von herabstürzenden Gesteinsmassen verschüttet. Er konnte nur als Leiche geborgen werden. Ein an demselben Ort beschäftigter Arbeitsgenosse konnte sich retten. Er erlitt Verletzungen leichterer Natur.

Nach Anschlag: Franzosen verbieten Straßenbahnverkehr

Essener Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 9. August 1923. Als Folge des Sabotageaktes in der Nacht vom 4. zum 5. August an der Eisenbahnstrecke zwischen den Bahnhöfen Mühlheim-Heißen und Essen-West werden folgende Strafmaßnahmen erlassen: 1. Verbot des Straßenbahnverkehrs vom 9. August mittags bis 13. August mittags in dem Bezirk zwischen der Altendorfer Straße, Oberdorfstraße, Heinitzstraße, Dovestraße und der Eisenbahnstrecke, die zum Bahnhof Altendorf führt. 2. Verkehrsverbot von 8 Uhr abends bis 5 Uhr vormittags auf die Dauer von 8 Tagen ab 9. August in demselben Bezirk.

Der Polizeipräsident von Essen soll eine Untersuchung über diesen Sabotageversuch einleiten und deren Ergebnis vor dem 30. August mitteilen. Wenn diese Untersuchung ergebnislos verläuft, werden andere Strafmaßnahmen ergriffen.

Keine Butter, keine Margarine

Essener Wochenmarkt vom 8. August 1923. Der Mittwochmarkt hatte wieder ein recht klägliches Aussehen. Die Eierhändler waren fast ganz ausgeblieben. Am leeren Butterstand reiten sich die Leute zu einer langen Kette auf, in der Hoffnung, schließlich doch für ihre Geduld entschädigt zu werden. Margarine war nicht zu sehen. Die Rekordziffer von 500000 Mark war an verschiedenen Ständen zu lesen. Speck, Mettwurst und Strickwolle teilten sich in diesen Ruhm, aber mit dem Unterschied, dass es bei der Strickwolle nur 100 Gramm für dieses Geld gab.

Einzelne Händler klagten über das zu hohe Standgeld, das nicht unwesentlich zur Preisbildung beitrüge. Preise: Rindfleisch 300000 Mark, Pilze 80 000 Mark, Kohlrabi Stück 10000 Mark, Gurken Stück 60000 und 100000 Mark.

Dollar in Berlin 4,85, in Neuyork 5,6 Millionen.

Der erste Luftstreik

Zum ersten Mal ist in der Geschichte der Luftschifffahrt von einem Streik zu berichten, der auf dem englischen Flugplatz in Croyden aus Anlass einer Lohndifferenz kürzlich Ereignis geworden ist. Hier sollte um 12 Uhr mittags die Flugpost nach Amsterdam abgehen. Die Passagiere befanden sich bereits in ihren Kabinen und der Motor war angelassen, als der Flugzeugführer plötzlich erklärte, dass er nicht abfahren würde, wenn man ihm nicht statt der bisherigen 4 Pfund 6 Pfund Sterling Lohn bewilligen wolle. Da im Augenblick ein Ersatz nicht zu beschaffen war, so musste man sich nach zweistündiger Verhandlung endlich der Forderung des Piloten fügen, der dann auch mit dreistündiger Verspätung an Bord ging und aufstieg.

Kino hilft bei Ganoven-Fahndung

EAZ, Freitag, 10. August 1923. Der Reichsverband deutscher Lichtspieltheater hat sich bereit erklärt, in besonders wichtigen Fällen der steckbrieflichen Verfolgung von Verbrechern Diapositive, die ihm von den Strafverfolgungsbehörden mit dem Ersuchen um Vorführung übersandt werden, in seinen Theatern kostenlos vorzuführen. Den Strafverfolgungsbehörden wird anheim gegeben, in den geeigneten Fällen von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen.

Arbeit, Familie, Heimat

Am Sonntag findet um sechseinhalb Uhr im großen Saale der Wirtschaft Brehpol am Fliegenbusch ein Familienabend der evangelischen Arbeiter- und Jünglingsvereine statt. Den Vortrag hält Pfarrer de Haas über das Thema, das den Abend mit Gedichten, gemeinsamen Liedern zeitgemäßen Gepräges beherrscht: Arbeit, Familie, Heimat. Eintritt wird für die Mitglieder nebst erwachsenen Familienangehörigen nicht erhoben.

Zur Ansichskarte unten: Auf der Steelenser Zeche Johann Deimelsberg wurde ein Bergmann verschüttet und getötet. Eines der Betriebsgebäude steht noch heute an der Westfalenstraße; auf der zeitgenössischen Ansicht von Steele ist es halb verdeckt am linken Bildrand zu sehen.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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