Schon Hermann Löns machte sich Sorgen

Der Siegeszug der Wasserpest begann vor 100 Jahren

0 19.07.2019

Ihr lateinischer Name klingt hübsch melodiös; der deutsche Name „Wasserpest“ eher ernüchternd. Deshalb bleiben wir bei „Elodea“, der Unterwasserpflanze, die sich explosionsartig vermehren kann, und die – vom Ufer aus betrachtet – wenig schön ausschaut. In den Seen der Ruhr (Baldeneysee, Kemnader See) ist sie mal mehr, mal weniger stark verbreitet und wird dort regelmäßig abgemäht. Auch in dem erst wenige Jahre alten Niederfeldsee in Essen-Altendorf erreichte sie in diesem Jahr solche Ausmaße, dass ebenfalls ein Mähboot eingesetzt wurde.

Es gibt verschiedene Elodea-Arten, die häufigste hier vorkommende ist die Kanadische Wasserpest. Insgesamt zählt man drei Arten, die sich hier breit gemacht haben. Sie zählen zu den invasiven Neophyten.

Im Frühjahr beginnt die Pflanze das Wachstum am Grund des Gewässers. Sie bildet dicht beblätterte Sprosse aus, die etwa einen Millimeter dick sind und bis zu drei Meter lang werden können. Die Blätter sind etwa einen Zentimeter lang und schmal und sie stehen in Quirlen.

Elodea ist zweihäusig, d.h. es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Doch hier sind nur weibliche Pflanzen bekannt, die kleine weiße, unscheinbare Blüten bilden. Auch wenn männliche Pflanzen in unseren Breiten fehlen, kann sich Elodea fortpflanzen: Jedes abgerissene Fitzelchen kann Wurzeln schlagen und zu einer großen Pflanze heranwachsen. Das nennt man „vegetative“ Fortpflanzung.

Sprossteile werden mit fließendem Wasser, dem Schiffsverkehr und mit Wasservögeln über weite Strecken transportiert. Biologen vermuten, dass Liebhaberbotaniker oder Aquarianer, die sich überflüssiger Wasserpflanzen entledigen wollen, den Ausbreitungserfolg unterstützen. Vermutlich werden Elodea-Arten auch ungewollt mit Pflanzmaterial anderer Wasserpflanzen ausgebracht. Das klingt für den Niederfeldsee sehr wahrscheinlich.

Die Wasserpest ist eingewandert und zwar nicht erst in den letzten Jahren. Elodeas Einwanderungsgeschichte beginnt vor 100 Jahren. (In letzter Zeit bekam Elodea canadensis vielerorts Gesellschaft durch die sich heute stark ausbreitende Elodea nuttallii, die Schmalblättrige Wasserpest, deren Sprosse über fünf Meter lang werden können.)

Auf einer Homepage des Bundesamtes für Naturschutz (neobiota.de) steht akribisch aufgeführt, wann und wo Elodea zum ersten Mal auftauchte: „Die Kanadische Wasserpest wird für Europa das erste Mal 1836 in Irland erwähnt. Sie wurde zunächst in botanischen Gärten gepflegt. Die Ausbreitung in Deutschland lässt sich auf eine Aussetzung von Pflanzen aus dem Berliner Botanischen Garten in nahe gelegene Gewässer im Jahre 1859 zurückführen. Von hier aus wurden schnell die mit Kanälen verbundenen Flusssysteme von Havel und Oder erreicht.

Im Hannoverschen Tageblatt vom 9. Oktober 1910 schrieb der Heimatdichter Hermann Löns: ,Es erhob sich überall ein schreckliches Heulen und Zähneklappern, denn der Tag schien nicht mehr fern, da alle Binnengewässer Europas bis zum Rande mit dem Kraute gefüllt waren, so daß kein Schiff mehr fahren, kein Mensch mehr baden, keine Ente mehr gründeln und kein Fisch mehr schwimmen konnte.‘“

So war das Steinhuder Meer 1915 bis 1918 völlig mit der Kanadischen Wasserpest bedeckt. Aber Anfang der 1930er Jahre gab es dort kaum noch dieses Kraut. Als mögliche Gründe für den Rückgang führen die Biologen an: Einstellen eines Gleichgewichtes mit natürlichen Gegenspielern (z. B. Fadenwürmern), Nährstoffmangel durch Entzug bestimmter Nährstoffe oder zunehmende Gewässerverschmutzung. Doch Genaues weiß man nicht. Auf der Seite des BfN steht zu lesen: „Trotz der über 100-jährigen Ausbreitungsgeschichte von Elodea-Arten mangelt es an umfassenden Analysen der hiermit verbundenen ökologischen und ökonomischen Folgen. Kurzfristige Veränderungen durch Dominanzbestände müssen nicht zur nachhaltigen Verdrängung anderer Arten führen. Inzwischen wird von ihrer Einfügung in die Wasserpflanzengesellschaften ausgegangen.“

Gemäht wird, weil das enorme Wachstum, das bis zur völligen Ausfüllung des Sees oder Teiches gehen kann, Bootsverkehr behindert bis unmöglich gemacht und auch Schwimmer gefährdet. Elodea kann zu Einbußen bei der Fischerei, der Teichbewirtschaftung, aber auch im Tourismus und im Wassersport führen. Ein Patentrezept zur Bekämpfung gibt es nicht. In Deutschland wird im Juli/August gemäht. Der Einsatz mit der chemischen Keule ist hier verboten.

Zum Bild: Abgemähte Elodea wartet auf den Abtransport. Foto: flora

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