Oh, Tante Traud‘, wer hat dir nur den Baum geklaut?

0 19.12.2019

Früher war das so: Schon Wochen vor Weihnachten wurden neue Strohsterne gebastelt. Die Mutter ließ Stroh in Wasser einweichen, der Älteste durfte die Halme einritzen, und dann wurden sie geplättet, auf der alten, dicken Bügeldecke, die so eigentümlich roch nach frischer Wäsche und ein wenig angebrannt. Die Halme hatten verschiedene Brauntöne – je nachdem wie lange Mutter sie unter ihrem Eisen hatte. Die platten Halme wurden nun mit einem Tupfer Uhu fixiert, mit einem roten Faden sternförmig zusammengebunden und dann mit einer kleinen Schere bearbeitet, bis sie noch schöner als schön waren. Der Große war schon recht geschickt, er machte auch gerne Laubsägearbeiten –ganz akkurat – und seine Sterne konnten sich wirklich sehen lassen.

Der Mittlere bestach durch seine eigenwilligen Kreationen. Nicht schön – aber selten. Und die Kleine? – Nun, die hielt man am besten von allem fern. Mit ihrem Temperament konnte sie schnell die ganze gemütliche Runde aufmischen. Derweil war Vater im Keller mit geheimnisvollen Dingen beschäftigt. Bauklötze sägen und bemalen, eine Puppenstube bauen oder etwas anderes tun. Davon ahnten wir natürlich nichts.

Zum Baumkauf nahm Vater einen der Jungen mit. Man brauchte zwei ganze Kerle, um ihn zu tragen. Bis zum Fest musste dann die Tanne im Keller auf ihren großen Tag warten. Statt nach Kleie und Kartoffelschalen für die Hühner, die draußen im Garten nach Regenwürmern scharrten, roch es zu dieser Zeit dort unten verheißungsvoll nach Wald und Weihnachten. Und gerne schlichen sich die Kinder in den Keller, um den schönen Baum zu bestaunen und schon einmal von den Plätzchen zu probieren, die die Mutter gebacken hatte, und die vermeintlich gut weggestellt waren.

Heiligabend wurde der Baum geschmückt. Vater lag bäuchlings auf dem Fußboden im Wohnzimmer und versuchte die große Fichte, die unbedingt bis zur Decke reichen musste, so zu drehen, dass sie ihre Schokoladenseite nicht den Wänden zeigte. Das war nicht immer leicht. „Mehr nach links, zurück!“ Mutter gab die Kommandos. Sie konnte sehr penibel sein. „Jetzt eine Vierteldrehung nach rechts.“ Vater schnaufte. Die Fichte piekste ihn, der Boden war unbequem. Er musste nach Luft ringen. Jetzt ein paar Kilo weniger auf den Rippen. Das wäre was...
Geschmückt wurde der Baum klassisch. „Bloß kein Lametta!“ Auch Engelhaar war tabu. Mit den selbstgebastelten Strohsternen und Bienenwachskerzen musste unser Baum auskommen. Doch weil Mutter eine echte Bangebuchse war, kamen später noch „Elektrische“ hinzu. Die echten Kerzen wurden nur noch Heiligabend angezündet.
Weihnachten wurde auch Musik gemacht. Zum Einsatz kam eine Mehrzweckwaffe: Die Blockflöte. Nicht nur, dass man mit den hohen Tönen auch als kleine Schwester so manchen Widerstand brechen konnte, auch die Anwendung als Stock war  gelegentlich hilfreich… Wir Kinder fanden es witzig, wenn wir statt „O Tannenbaum“ „O Tante Traud“ sangen, der bereits in der zweiten Zeile des Liedes der Baum geklaut worden war.
Bis Lichtmess stand unser Baum im Wohnzimmer. Bei jeder Berührung rieselten die Nadeln leise auf den Boden. Deshalb wurde er zum guten Schluss durch das geöffnete Fenster in den Garten geworfen.

Woran Monica sich noch ganz genau erinnert? Weiße Weihnachten gab es fast nie. Richtig kalt wurde es nämlich immer erst im Januar/Februar, und manchmal gab es sogar im März noch Schnee.

So, nun wünsche ich Ihnen und Euch auf den letzten Metern bis zum Weihnachtsfest nicht all zu viel Stress.  Und wenn wir uns vorher nicht mehr sehen: Frohe Weihnachten! Monica

Übrigens: Die Zeichnung stammt von Vera Hölter

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