Nostalgische Erinnerungen an Borbecker Kneipenkultur: Ein Schnäpschen von der Fensterbank

0 10.03.2026

BEDINGRADE/SCHÖNEBECK. Die kleine Serie über Borbecker Kneipenkultur von Wolfgang Sykorra widmet sich heute der

Liesenhofschänke

Eine Kneipe war ursprünglich – so der Duden – die Bezeichnung für eine kleine „schlechte, gemeine Schenke.“ Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Kneipen allerdings zu beliebten Lokalen, in denen man sich auf ein Bier am Tresen traf. Darüber hinaus nutzten Vereine diese Gaststätten als ihren regelmäßigen Treffpunkt. Auf diese Weise entstand allmählich eine Kneipenkultur. So auch in Borbeck, wo jede Kneipe ihre eigene Geschichte schrieb.

Die Mitglieder des VfB Borbeck waren anfangs überwiegend Kumpel der benachbarten Zechen „Rosenblumendelle“ in Mülheim und „Schacht Kronprinz“ in Schönebeck. Denn an der Aktienstraße wurde in den Jahren 1901 bis 1903 der „Schacht Kronprinz“ neu abgeteuft. Die in diesem Grubenfeld geförderte Kohle wurde dann mit einer Seilbahn über die Schönebecker Schlucht zum Verladebahnhof Mülheim-Heißen transportiert. Nachdem von „Kronprinz“ ein Durchschlag zum Grubenfeld der Schachtanlage „Rosenblumendelle 1/2“ hergestellt worden war, wurde die Kohle nur noch dort zutage gebracht. Der „Schacht Kronprinz“ blieb aber erhalten, weil die Bergleute hier sowohl zu den Grubenfeldern der „Rosenblumendelle“ als auch von „Kronprinz“ einfuhren.

In der Folge prägte die Kohle Leben und Arbeit der Bergleute. Ihre Freizeit verbrachten sie gern in der 1899 erbauten „Liesenhofschänke“, die schräg gegenüber „Kronprinz“ an der Aktienstraße 43 gelegen war. Hier fanden auch die Betriebsversammlungen der Zeche statt. Oft war die Wirtschaft schon lange vor Beginn voll. Die Kumpel nutzten nämlich die Gelegenheit, um bei Bier und Korn den betrieblichen Ärger hinunterzuspülen und um sich vor allem Mut anzutrinken. Denn sie wollten der Werksleitung ihre Kritik an den Arbeitsbedingungen vortragen. Bier löst bekanntlich Zungen. Wenn aber die Werksleitung erschien und gleich zu Beginn Biermarken spendierte, verstummte die eben noch geäußerte Kritik. In aller Regel verlief die Betriebsversammlung dann ohne Widerspruch.

Der schweren Arbeit der Kumpel brachte der Wirt der „Liesenhofschänke“ viel Verständnis entgegen. Da nach dem Ende der Nachtschicht um fünf Uhr die Gaststätte noch geschlossen war, die Bergleute aber durstig waren, kam der Wirt auf folgende Idee: In aller Herrgottsfrühe stellte er Schnapspinnchen auf die Fensterbänke seiner Kneipe, ein Angebot, das die Kumpel gern annahmen. Allerdings soll es gelegentlich vorgekommen sein, dass unbekannte Schlaumeier vor den Bergleuten an der Kneipe waren und ihnen den Schnaps wegtranken. Auch nachdem Zeche „Kronprinz“ in den 1960er-Jahren abgebaut wurde, blieb die „Liesenhofschänke“ erhalten, bevor sie einem Geschäftslokal Platz machen musste.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 1 und 2?