Nikolaus wurde der Stollen vom Kleiderschrank geholt

0 05.12.2025

Backbeginn war schon im November. Zuerst kam der Christollen an die Reihe. Das war ein mühseliges Geschäft und es wurde von Muttern an einem Samstag erledigt. "Tür zu!" rief Muttern immer, wenn wir uns der Küche näherten und die eiskalte Luft aus dem Flur den aufgehenden Hefeteig bedrohte. "Tür zu!" Wie oft musste der Hefeteig gehen?

Der Vorteig einmal, dann noch einmal, dann kamen Nüsse, Mandeln, Citronat und Orangeat (Monica: Iiiiiiih) hinzu. Den großen Teigballen knallte Muttern mit hoch erhobenen Armen mit Wucht auf den Küchentisch. Das war im ganzen Haus zu hören. Romms, romms, romms. Und wieder: romms, romms, romms. Dann endlich wurde aus dem Kloß ein großer Laib geformt, der mit Marzipan gefüllt wurde. Marzipan! Ein Hoffnungsschimmer zwischen all dem, was Kinder nicht so gerne essen.

Für uns war das ein spektakulärer Backprozess, der erst nach Stunden damit endete, dass Muttern nach dem Backen auf den noch heißen Stollen mit einer Gabel einstach und danach flüssige Butter auf den Stollen pinselte, in die Löcher goss und das Ergebnis dann dick mit Puderzücker bestäubte. Danach wurde das Dingen in Alufolie gewickelt und bis Nikolaus auf den Kleiderschrank im ungeheizten Schlafzimmer verbannt. Geschmacklich gab das Stollen-Backen nicht all zu viel her. Roher Hefeteig? Nein, der schmeckt nicht gut.

Da war das Spritzgebäckbacken weitaus geschmackvoller. Den Teig bereitete Muttern einen Tag vorher zu. Ein Kilo Mehl, ein Pfund Zucker, Vanillinzucker, ein Pfund Buitter, zwei Eier, etwas Backpulver. Der daraus geknetete dicke Kloß kam auf einen großen Porzellanteller. Mit einem sauberen Geschirrtuch wurde er abgedeckt und in den Keller gebracht. Dort sollte er ruhen. Von da an konnte Klein-Monica nicht oft genug in den Keller gehen, um dort etwas zu holen, zu suchen etc. Mit zwei Fingern zwickte sie tüchtig in den Teig und naschte. Dann wurde der Kloß mit dem Handballen wieder geglättet und so die Spuren verwischt.

Wäre gar nicht aufgefallen, wenn nicht die beiden Brüder den gleichen Kniff angewendet hätten. Und so schrumpfte die Teigkugel binnen kürzester Zeit. Aber Muttern tat, als merkte sie es nicht. Am nächsten Tag wurde der Teig durch den Fleischwolf gedreht. Monicas Hilfe war dabei nicht unbedingt gerne gesehen, da immer alles schnell gehen musste.

Nikolaus gab es dann außer Stollen die ersten Spritzgebäckplätzchen, dazu einen Apfel mit roten Bäcken, eine Apfelsine, zwei Mandarinen, ein paar Nüsse und Fondantkränze. Der Genuss dieser unglaublich süßen Zuckerdinger zeigte zuverlässig an, dass bald der nächste Zahnarztbesuch fällig war.

So ist es: Im Leben hat alles zwei Seiten.

Bis dahin und einen schönen Nikolaustag!

Monica

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 7 und 5.