Nicht Wurm, nicht Schlange

Und blind ist die Schleiche auch nicht

0 31.05.2024

Eins steht fest: Blind sind Blindschleichen nicht. Ob Leichtsinn zu ihren herausragenden Eigenschaften zählt, wurde vermutlich nicht näher untersucht. Das Exemplar auf dem Foto war es offensichtlich. Auf dem Weg drohte nämlich Gefahr von Radlern und trampelnden Passanten. Wahrscheinlich wollte sich Anguis fragilis, so der wissenschaftliche Name, auf dem warmen Stein einfach nur ein wenig aufwärmen. „Thermoregulation“ nennt das der Fachmann.

Für die Fotografin war das auf jeden Fall ein Glücksfall, denn Blindschleichen müssen sich eigentlich verstecken. Man sieht sie daher meist nicht, oder erst, wenn es für das Leben des Reptils zu spät ist. Verstecken gehört zum Überlebenskonzept der wehrlosen Blindschleichen. Sie haben zahlreiche Feinde, natürliche wie Vögel, Igel, Dachs, Fuchs und Marder. In Siedlungsgebieten stellen ihnen außerdem Hunde und Katzen nach – manchmal auch der Mensch.

In Deutschland ist die Blindschleiche das häufigste Reptil, und so kann man davon ausgehen, dass man sie zwischen Heidhausen und Karnap dort antreffen kann, wo es Laubwälder, naturnahe Gärten, Parks, Wiesen oder Brachen auf frischem oder feuchtem Boden gibt und dazu ein Gewässer in der Nähe. Intensive Landnutzung ist aber nichts für sie.

Etwa 45 Zentimeter wird die Blindschleiche lang. Oft wird sie mit einem dicken Wurm oder einer Schlange verwechselt. Doch sie ist eine Echse, die ohne Beine auskommt. Verwirrend: Ihr lateinischer Name heißt übersetzt „zerbrechliche Schlange“. „Zerbrechlich“ ist sie in der Tat. Sie kann nämlich bei Gefahr – etwa wenn ein Storch es auf sie abgesehen hat und sie am hinteren Ende packt – den Schwanz abwerfen und entkommen. Der Schwanz wächst dann nach, etwas verkürzt, aber immerhin.

Der Kopf der Blindschleiche geht direkt in den kreisrunden, meist stark glänzenden Rumpf über, der in einem spitzen Schwanz endet. Ausgewachsene Tiere werden bis zu einem halben Meter lang und sind an der Oberseite braun, grau oder gelblich gefärbt; manche glänzen auch in Bronze- oder Kupfertönen. Die Flanken sind meist dunkel abgesetzt.

Im Unterschied zu Schlangen haben Blindschleichen bewegliche, verschließbare Augenlider. Sie bewegen sich langsamer als Schlangen und ihr Schlängeln wirkt steif und nicht sehr elegant. Zum Züngeln müssen sie das Maul leicht öffnen, Schlangen hingegen besitzen eine Lücke in der Oberlippe wodurch sie die Zunge bewegen. Am Blindschleichen-Skelett erkannt man, dass der Schleiche Vorfahren Vierbeiner waren. Man kann Reste von Becken- und Schulterknochen an der Wirbelsäule feststellen.

Im April wagen sich die Blindschleichen aus ihren frostsicheren Erdlöchern, wo sie in Gruppen und vor Kälte starr auf den Frühling warteten. Dann kommen die Tiere in Wallung. Erst kämpfen die Männchen untereinander um die Weibchen, dann verbeißt sich der Sieger im Nacken des Weibchens. Die Kopulation kann ein paar Stunden dauern. 14 Wochen lang trägt das Weibchen die befruchteten Eier in ihrem Bauch aus. Dann platzt die Eischale und die Jungen kommen lebend zur Welt.

Gärtner sollten Blindschleichen lieben: Auf ihren Speisezetteln stehen Regenwürmer, einige Raupen und: Nacktschnecken!

Leider, leider: Der größte Feind der Blindschleiche ist der Mensch, der ihren Lebensraum mit intensiver Land- und Forstwirtschaft zerstört. Auch das das Ausbringen von Pestiziden und Schneckenkorn ist Tod bringend. Hinzu kommt, dass mancher Blindschleichen aus Unkenntnis oder Ekel zertritt. In mehreren Bundesländern steht die Schleiche inzwischen auf der Vorwarnliste oder gilt als gefährdet.

Zum Bild: „Der Glaube, Blindschleichen seien blind, ist weit verbreitet, aber falsch, denn ihr Name ist vom althochdeutschen „Plintslicho“ abgeleitet, was so viel wie ,blendender Schleicher' bedeutet und auf den glänzenden, sich schlängelnden Leib der Tiere gemünzt ist“, heißt es auf der Homepage des NABU. Foto: flora

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