Die Ostertorte

Eine wahre Geschichte

0 06.04.2020

Jeweils drei Zuckereierchen markierten ein Stück. Besonders gut machten sich die roten, weißen und grünen Dragees auf dem schwarzen Schokoguss. Für gelbe Eierchen hatte ich nichts übrig. Der Himmel weiß, warum.

Zu Ostern kam bei uns die „Prinzregenten-Torte“ am Nachmittag auf den Kaffeetisch.

Deren Erstellung betrachtete ich schon als kleine Kröte mit regem Interesse und einer gewissen Passion.

Dabei litt Muttern am meisten.

Am einfachsten war es noch, den Teig für acht hauchdünne Biskuitböden zusammenzurühren. Vorausgesetzt es gelang, die Nachwuchsbäckerin an Mutterns Schürzenzipfel davon abzuhalten, ihre Fingerchen in den Biskuitteig zu tunken. Dann standen die Chancen für den Kuchen nicht schlecht.

Mir imponierte vor allem, wie Muttern sechs Eiweiße mit einer Gabel in der Hand in einem Suppenteller steif schlug. Um zu testen, ob der Eischnee gelungen war, drehte sie den Teller um. Blieb das Eiweiß haften, war alles gut. Rutschte es vom Teller, war nichts gut.

Ja, Muttern hat sich was getraut.

Die Eigelbe waren zuvor schon mit dem Zucker zu einem appetitlichen Schaum verrührt worden, dann kam der Schnee hinzu. Vorsichtig, gaaanz vorsichtig wurde dann das gesiebte Mehl mit einer Messerspitze Backpulver über den Teig gesiebt und mit einem Schneebesen untergehoben.

Jetzt war der günstigste Zeitpunkt für den Nachwuchs gekommen, den Teig zu verderben.  Eine winzige Menge Spucke reicht dafür. Schon zwei- oder drei Male mit dem abgelutschten Finger durch den Teig reichen aus, um die Masse noch in der Schüssel gewissermaßen zu verdauen und damit zu versauen.

Einmal, ein einziges Mal habe ich es gewagt! Es folgte eine persönliche Leidenszeit.

Es wird kaum überraschen, dass ich danach niemals, wirklich niemals mehr mit dem Finger durch Kuchenteig gegangen bin, oder mit einem abgeleckten Löffel zum Probieren durch Suppe, Soße oder sonstwas.

Der elektrische Herd in unserer Küche nahm sich gegen den daneben immer noch vorhandenen Kohleofen zierlich aus und er war es auch. Jeder Biskuitboden musste einzeln gebacken werden. Etwa sieben Minuten lang. Wichtig: Der Teig musste auch am Rand dick genug auf das Blech aufgetragen werden (aber nicht dicker als der Zeigefinger eines neugierigen Kindes), sonst wurden die Böden dort zu braun. Und: Bloß nicht zu früh in den Backofen schauen, sonst fällt der Teig zusammen. Fenster in der Backofentür gab es damals nicht.

Weiteres Hindernis: Biskuitteig benimmt sich wie ein Dreijähriges. Lässt man es zu lange herumstehen, funktioniert gar nichts mehr. Der Teig geht nicht mehr auf, man muss neuen anrühren.

Nicht immer leise war Mutterns Fluchen, wenn die Böden sich weigerten, aus der Form zu kommen. Platsch, kam ein feuchter kalter Lappen aufs Metall. Und wehe!

Inständig hoffte ich, einer der Böden würde so zerbröseln, dass er für die Torte nicht mehr zu gebrauchen war und als Schribbelsgeschrabbels den Kindern gegeben wurde.

Vergebens. Muttern war Schneidermeisterin und hatte schon in Kriegs- und Nachkriegsjahren gelernt, Fitzelchen von Stoff zu Mänteln zusammenzusetzen. Das wäre doch gelacht…

Die Böden kamen zum Auskühlen über Nacht in den Keller.

„Iih, was ist das denn?“ Wie winzige Maden grisselte sich die Buttercreme in der Schüssel. Zuvor schien alles gut zu gehen. Den Pudding hatte Muttern schon am Vorabend gekocht und neben die Butter auf die Anrichte gestellt. Schließlich soll ja beides dieselbe Temperatur haben, wenn es zur Buttercreme zusammengerührt wird. Und jetzt das! „Das warst Du!“ „Nein, Mama“, „Ehrlich?“ „Ja, Mama!“ „Ganz, ehrlich?“ „Ja“. – Die Inquisition war überstanden und Hand aufs Herz: Ich hatte wirklich nicht meine Finger im Spiel.

Also zügig jetzt: Die geronnene Creme ins Wasserbad, wärmen, einen Stich Kokosfett hinzu (in Frage kam nur Palmin)  – nicht mehr –-  und rühren bis die Buttercreme wieder glatt ist. Gerettet. Das wäre ein Verlust gewesen. So viel Zeit und so teure Zutaten! So dicke hatten wir es nicht.

Nun wurden die acht Böden aufeinandergelegt, dazwischen immer eine Schicht Schokobuttercreme. Obwohl diese Torte nur einmal im Jahr auf den Tisch kam, war Muttern erstaunlich geschickt. Zack, zack. Wie ein Maurermeister den Mörtel an die Wand klatscht, ließ Muttern die Creme auf die Torte klatschen. Mit einer Art Spatel strich sie die Creme glatt und ließ den ganzen Kuchen sogleich im kühlen Keller verschwinden. Nicht das allerkleinste Kleckschen hat es zum Probieren gegeben. Der Kuchen musste über Nacht ziehen.

Am nächsten Tag gab es nur noch wenig zu tun. Für die Couvertüre wurde Schokolade im Wasserbad erhitzt. Etwas Palmin hinein für einen schönen Glanz. So: Nun stand das Kunstwerk kurz vor der Vollendung. Nur noch die Zuckereierchen.

„Ich weiß genau, dass ich die hierhin gelegt habe!“ Ihr Blick war unerbittlich. Wie grausam können Mütter werden?  Mit klebrigen Fingerchen präsentierte ich kleinlaut die Reste. Nur kurz, ganz kurz hatte ich überlegt, meinem Bruder die Schuld in die Schuhe zu schieben. Doch das Risiko schien noch unkalkulierbarer.

Zeichnungen: Vera Hölter

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