Den Schutzengeln reichlich Arbeit gemacht

Die Kanalspringer wurden bei ihren lebensgejährlichen Unternehmungen nicht erwischt - und Gott sei Dank - passierte auch kein Unglück

0 16.08.2021

DELLWIG: Noch etwas zu Borbeck, wozu ja auch Dellwig zählt. Ein paar Jungs aus Schönebeck und anderen Teilen Borbecks gingen nicht ins Freibad Hesse schwimmen, sondern in den Rhein-Herne-Kanal, der gleich daneben liegt. Eine braune Brühe, aus der man häufig schmutziger zurückkehrte als man hineingesprungen war. Dort war es aber viel abenteuerlicher als im Freibad. Man sprang von der Kanalbrücke, stellte sich dabei noch aufs Geländer, andere paßten auf, daß kein Schiff gerade von der anderen Seite unter der Brücke heranfuhr. Wir kletterten auf die vorbeifahrenden Schiffe, meist Lastschiffe, die so tief im Wasser lagen, daß man, wenn man sich geschickt anstellte, im Nu an Bord war. Die Schiffer ließen das geschehen, wir fuhren ja nur mit, bis wir auf ein Schiff aus der Gegenrichtung kletterten und zurückfuhren.

Die Wasserschutzpolizei hatte was dagegen, kam mit Schlauchbooten herangefahren, doch das half nichts. Kletterte ein Beamter an Bord des Schiffes, blieben wir auch noch weiter sitzen, sprangen im letzten Moment ins Wasser und schwammen in alle Richtungen davon. Die Polizisten waren auch nicht besonders ehrgeizig, denn sie wußten genau, daß wir nichts anrichteten, uns ansonsten ordentlich verhielten, so daß uns die Kapitäne gewähren ließen. Ein größeres Abenteuer war es allerdings, wenn - und das taten nicht alle - man vor ein fahrendes Schiff schwamm - das konnte ja immer nur ein einziger machen, wir losten das zum Teil dann aus - man das Schiff herankommen ließ, genau mittig vor den Bug, die Füße dagegenstemmte und sich dann vom Schiff durch den Kanal schieben ließ, die Bugwelle dann an Hals und Kopf. Kostete am Anfang Überwindung, aber man gewöhnte sich daran. Wollte man fort vom Schiff, ließ man sich zu einer Seite hin von der Bugwelle wegdrücken, trieb am Schiffsrumpf vorbei, genügend Zeit, um auch wegzuschwimmen, um der Schiffsschraube zu entgehen. Verunglückt ist dabei niemand. Die Kapitäne hatten keine Wahl, sie konnten das Schiff nicht stoppen, sahen den Schwimmer natürlich, irgendwann dann nicht mehr, weil er vom Bug verdeckt war.

Nur am Randeangemerkt: Einmal geriet ich tatsächlich unter ein Schiff, weil ich übersehen hatte, daß es unbeladen war, der Bug hoch aus dem Wasser ragte.

Ich erhielt einen Schlag an den Kopf und war unter dem Schiff. Sicht gleich Null. Ich mußte - ohne vorher Luft geholt zu haben - wegtauchen, die Schiffsschraube war gut zu hören, Wasser ist hellhörig. Beim Auftauchen aus Luftnot gab´s zwei Möglichkeiten, neben dem Schiff oder immer noch darunter. Das wär´s dann gewesen. Doch Lausejungen haben meist aufmerksame Schutzengel. Also neben dem fahrenden Schiff rausgekommen. In jungen Jahren beeindruckt einen das nicht sonderlich, denn es ging danach weiter mit diesem abenteuerlichen Tun. Die Eltern erfuhren davon natürlich nichts.

Es gibt bestimmt noch Zeitzeugen, die sich an diese Jungs erinnern können oder selbst dabei mitgemacht haben.

Wolfgang Brammen wurde 1942, also mitten im Krieg, im Rheinland, nicht weit weg von Aachen geboren. Über mehrere Stationen und Regionen – und zwei Schulen – landete Brammen 1952 durch den Beruf des vom Krieg heil zurückgekehrten Vaters in Essen. Es folgten weitere Schulzeit, Berufsausbildung und Verbleib in der Ausbilungsfirma in Rüttenscheid bis 1970. Dann verschlug es ihn aus beruflichen Gründen an die Ostsee, nach Kiel, wo er bis zum heutigen Tag wohnt. Seit 1970 verheiratet. Brammen: "Immer noch mit derselben Frau". Er engagiert sich in Kiels Kulturwelt und schreibt hin und wieder selber Bücher.

Zum Bild: Wolfgang Brammen liebte schon als Heranwachsender Zeitunglesen und außergewöhnlichen Sport (das Bild entstand aber am Baldeneysee und nicht am Kanal). Der kindliche Wagemut mündete in zwei erstaunliche Tätigkeiten: Er wurde Fallschirmsportlehrer und Sporttaucher.

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