Bei Köt(h)er in Dellwig trafen sich die fröhlichen Zecher im feinen Zwirn - Dellwiger Ergänzung

Kaum war das Fundstück der Woche veröffentlicht, schickte Franz Josef Gründges eine Ergänzung

0 12.10.2021

DELLWIG. Das kommt nicht oft vor. Die Druckerschwärze - natürlich im übertragenen Sinne - war noch nicht getrocknet, da meldete sich Franz Josef Gründges zum Fundstück der Woche mit Ergänzungen zu Wort. Als Erstes aber will die borbeck.de-Redaktion der Familie Köther das ihr zustehende "h" zurückgeben, wiederholt dann den Text von Thomas Münstermann und fügt daran Bilder und Text von Franz Josef Gründges. Aus der Schatulle von Thomas Münstermann stammt dieses Foto aus den Fünfzigerjahren. Er schreibt dazu: "Ich habe keine Ahnung, wie das Foto in meinem Besitz gekommen ist. Aber ein paar Infos habe ich noch herausbekommen. Carola Michaelis aus Oberhausen konnte kurz vor ihrem Tod noch entscheidende Hinweise geben. Ihr Mann Heinz betrieb viele Jahre lang die Eller-Montan-Tankstelle an der Prosperstraße, die ja auch schon in den Fundstücken vorgestellt wurde.

Aufgenommen wurde das Foto an der Theke der Gaststätte Köther, die sich an der Ecke Donnerstraße/Prosperstraße befand. Köther war ein beliebtes Gasthaus in Dellwig und u.a. Verkehrslokal der Eucharistischen Ehrengarde der Pfarrgemeinde St. Michael. Hinter der Theke ging es durch eine Tür in ein kleines Gesellschaftszimmer, das für kleinere Veranstaltungen und Beerdigungskaffees genutzt wurde.

Um den Kreis der fröhlichen Zecher im feinen Zwirn mit Likörchen und Kippe in der Hand, handelt es sich um Mitarbeiter der Firma Walter, die auf der Zeche Christian Levin in Dellwig tätig war. Einzig namentlich zuzuweisen ist Heinz Michaelis, der rechts am Bildrand die fröhliche Runde um Haupteslänge überragt und damals bei Walter beschäftigt war.

Genannt wurden auch noch die Namen ,Sasse' und ,Buschkamp'. Vielleicht erkennt ja einer unserer Leserinnen und Leser noch Personen wieder. Beim 5. von links soll es sich jedenfalls um den ehemaligen Betriebsleiter der Zeche Levin handeln.

Hier die Ergänzung von Franz Josef Gründges: Mit dem Foto aus der Schatulle von Thomas Münstermann bin ich sozusagen verwandt und zwar mütterlicherseits durch meinen Urgroßvater Josef Franke. Und das kam so:

Josef Franke kam 1848 als Sohn eines Schusters im Dorf Pischkowitz in der niederschlesischen Grafschaft Glatz, ca. 80 km von Breslau entfernt, zur Welt. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und erlernte wie sein Vater das Schuhmacherhandwerk. In der Hoffnung auf materiellen und sozialen Aufstieg erlag er den Versprechungen der Werbekolonnen der Zechen aus dem Ruhrgebiet, verließ seine Heimat, machte sich auf der Suche nach Arbeit zu Fuß, wie die Familienlegende zu wissen glaubt, auf den über tausend Kilometer langen Weg und fand schließlich auf der Zeche Christian Levin in Dellwig als Bergmann eine Anstellung. Der fleißige, arbeitsame und sparsame Josef Franke brachte es in kurzer Zeit zu einem kleinen Häuschen in der Donnerstraße 202.

Nur wenige Meter entfernt wohnte der Bergmann Heinrich Wilhelm Köther mit seiner Ehefrau Gertrud, geb. Hagedorn. 1857 kam die Tochter Gertrud zur Welt. Ihre Geburt nahmen die stolzen Eltern zum Anlass, vor ihrem Haus in der Donnerstraße vier Linden zu pflanzen. Nur ein Jahr später machte sich Heinrich Köther als Gastwirt selbstständig und übernahm oder eröffnete im Kreuzungsbereich Donnerstraße/Bergstraße (heute Prosperstraße) die Gaststätte „Unter den Linden“. Es ist zu vermuten, dass der damals etwa 20jährige Junggeselle Josef Franke nach getaner Arbeit hier sein Feierabendbier zu trinken pflegte. Dabei hat er wohl auch die Tochter der Wirtsleute kennengelernt. Jedenfalls wurden der strebsame Bergmann Josef Franke und die gerade mal 17jährige Gastwirtstochter Gertrud Köther im November 1874 im katholischen Dellwig in aller Eile ein Paar. Denn das erste Kind, mein Großvater Heinrich Franke, war zu dieser Zeit schon unterwegs. Insgesamt bekamen Josef und Gertrud Franke vierzehn Kinder.

Zurück zur Kneipe. Einem Bericht in den Borbecker Nachrichten vom 8. Mai 2015 zufolge soll mein Urgroßvater an der Gaststätte „Unter den Linden“ um 1900 zwei weitere Lindenbäume gepflanzt haben. Das letzte Exemplar der insgesamt sechs Bäume soll am 5. Juni 1964 einem starken Sturm zum Opfer gefallen sein. In der gleichen Ausgabe der BN ist eine alte Postkarte mit der Aufschrift „Gruß aus Dellwig bei Borbeck (Rhld.)“ vom 18. August 1905 abgedruckt. Sie zeigt die „Restauration v. Heinrich Köther gegenüber der Kaiserl. Post“ an der „Haltestelle der electr. Bahn Essen-Oberhausen“. In dem von den Borbecker Nachrichten herausgegebenen Bildband „Ansichtssachen. Borbecker gestern und heute auf einen Blick“ (2009) ist eine Aufnahme der Gaststätte aus dem Jahre 1953 zu sehen (S.90). Hier wurde Stern-Pils ausgeschenkt. Heute steht auf dem Areal der Gaststätte Köther das „Haus Prosperstraße“ des Diakoniewerks Essen.

Mein Urgroßvater Josef Franke hat bis zu seinem Tod im Jahre 1926 in dem Haus in der Donnerstraße 202 gewohnt. Seine Frau Gertrud war bereits 1923 gestorben. Das Häuschen der Familie Franke steht heute immer noch.

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