Bei Dir spukt es wohl unterm Giebel? fragte der alte Weidenbaum

Bleich wie ein Keller ist der "Wenterdagg" von Hermann Hagedorn - ins Hochdeutsche übertragen von Franz Josef Gründges

0 09.01.2022

Wenterdagg

Wintertag

Ät es Wenterdagg! Bleek as en 'n Keller! Düster! Gespensterhaff!

Es ist Wintertag! Bleich wie ein Keller! Düster! Gespenstisch!

Doch bolle het dä Sonne ät geschaff! Ät wät heller!

Doch bald hat die Sonne es geschafft! Es wird heller!

Op Wolken schwewt sö as än Appel. Nu seih ick dütlich, wo ick si: Do steht dä We'e! Do dä Pappel!

Auf Wolken schwebt sie wie ein Apfel. Nun seh' ich deutlich, wo ich bin: Da steht die Weide! Da die Pappel!

Dät Becksken drömmelt vöbi . . .

Das Bächlein fließt langsam vorbei . . .

Jo! Jo!" sett sö em Lopen vö dän ollen We'enboom, dä ohne Loof do stonn,

Ja! Ja!“ sagt es im Laufen zu dem alten Weidenbaum, der ohne Laub da stand,

dät es än Dagg! Ick kann mi nech mä hollen, danzen mot ick, danzen“ . .

„Das ist ein Tag! Ich kann mich nicht mehr halten, tanzen muss ich, tanzen

on pock sick dän Ollen ...

Und packte sich den Alten . . .

Doch dä keck giftig opp, on sagg, öm spöken 't woll en'n Gi'ewel, danzen bi son'n Ni'ewel?

Doch der guckte giftig auf und sagte, ihm spuke es wohl im Giebel, tanzen bei solch einem Nebel?

On schockeln met dä Kopp.

Und schüttelte den Kopf.

Do keck dä Becke schö'i dä Pappel aan, dä wie än Prinz sick uut dät Silwer recken,

Da guckte die Becke scheu die Pappel an, die wie ein Prinz sich aus dem Silber reckte,

- öt woll so gäene danzen -

- es möchte so gerne tanzen –

on pock'n sick . . . Dä stallt sick aan wie wahn,

und schnappte ihn sich . . . Der stellte sich an wie irr,

on onse Becksken leit 't öm trecken.

und unser Bächlein ließ ihn ziehen.

On as 't so trurig dörch dä Wiesche leip on kaum ät Hülen konn väbieten,

Und als es so traurig durch die Wiese lief und kaum das Heulen unterdrücken konnte,

do wo 't, as wenn öm ömmes reip. Öt lustern, luren no alle Sieten . .

Da war es, als wenn ihn jemand riefe. Es lauschte und lugte nach allen Seiten . . .

Marjo! Do stonn'n woll fiftig Männkes, - Marienbläumkes muchen dät sien -

Meine Güte! Da standen wohl fünfzig Männchen – Marienblümchen mussten das sein –

on weihen met dä Händkes, on lachen al van wi'en.

und winkten mit den Händchen, und lachten schon von weitem.

On doe! Waraftig! Twentig, dattig Hahnenfäute en vuller Bläute . . .

Und da! Wahrhaftig. Zwanzig, dreißig Hahnenfüße in voller Blüte...

Öt schreien: „Wat häw ick gesagg? Nu kann ick danzen. Danzen! Danzen!

Es schrie: „Was habe ich gesagt? Nun kann ich tanzen. Tanzsen! Tanzen!

Dä mack sick nech vö 'n betschen Ni'ewel bange, wie dä Pappel do, dä lange,

Die machen sich nicht vor ein bisschen Nebel bange, wie die Pappel da, die lange,

on wie dä We'e dän ollen Toß!“

Und wie die Weide, der alte Sturkopf!

Ät Becksken leip, nä, nä, ät boß, rett twee Bläumkes an sin Hatte,

Das Bächlein lief, nein, nein, es rannte, riss zwei Blümchen an sein Herz,

'n Marienbläumken, 'n Hahnenfaut, on danzen wat kasse.

ein Marienblümchen, einen Hahnenfuß, und tanzte, was es konnte.

Wat wo 't än Gewemmel! Än Klöcksken mok bemmel, bemmel!

Was war das für ein Gewimmel! Ein Glöckchen machte bimmel, bimmel!

Dä Sonne lachen van 'n Hemmel,

Die Sonne lachte von dem Himmel,

on 't wo Wenterdagg.

und es war Wintertag.

Aus: Hatte on Heeme. Botterblaumen 1984, S. 39/40 / BN Nr. 11 / 11.03.1955 (Titelseite) / CD: 25-28.

Dass es endlich wieder heller wird: Darauf warten viele ungeduldig und nicht das Bächlein, das wieder im Sonnenschein tanzen möchte. Ein wenig werden wir uns gedulden müssen, bis Butterblumen am Bach blühen, aber Schneeglöckchen, die gibt es ab Ende Januar schon ganz bestimmt.

Den "Wenterdagg" wählte wie alle anderen plattdeutschen Gedichte des Dellwiger Heimatdichters Franz Josef Gründges aus und übertrug ist stimmungsvoll ins Hochdeutsche.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 5 und 3?