Als Kegeljunge musste man fix und vor allem auf der Hut sein

"Für mich gab's eine Schachtel Kanold-Bonbons obendrauf", erinnert sich Kegeljunge Wolfgang Brammen

1 09.08.2021

Das Fundstück der vergangenen Woche hat borbeck.de-Leser Wolfgang Brammen angeregt, in seinen Erinnerungen zu kramen. Was er gefunden hat, soll in den nächsten Wochen die "Fundstück-Reihe" ergänzen.

Er schreibt: "Die Gaststätte ,Wilhelmshöhe' ist mir noch sehr vertraut. Ich wohnte von 1952 - 1970 in der nahegelegenen Aktienstraße, damalige Hausnummer 9, heute Nr. 11.

In der ,Wilhelmshöhe' gab es eine Kegelbahn, auf der viele Kegelvereine aktiv waren. Dort stellte ich als Kegeljunge lange Zeit Kegel auf. Damals gab es keine automatische Aufstellung, alles geschah mit der Hand und mußte fix gehen, denn es waren sehr gute Kegelvereine vor Ort. War nicht ganz ungefährlich, es gab so etwas wie einen hölzernen ,Splitterschutz', einen Verschlag, hinter der sich der Kegeljunge oft mit einem Sprung in Sicherheit bringen mußte, denn die Kegler setzten die Kugel schon auf, wenn der Kegeljunge noch die letzten Kegel aufstellte. Es wurde hart gekegelt, die Kugel schlug mit hohem Tempo in die Kegel ein, die nach allen Seiten - ohne Schnüre eben - davonspritzten.

Als Kegeljunge erhielt man relativ viel Geld, wenn die Kegler zufrieden waren. Bei jeder Runde, die von den Keglern getrunken wurde, gab es für mich eine ,Sinalco', eine Schachtel ,Kanold'-Bonbons oder eine Tafel Schokolade zusätzlich. Waren die Kegler besonders zufrieden, ging noch ein Bierdeckel mit hochgeklappten Rändern rum, unter dem Motto ,`n Tacken (Groschen) für den Kegeljung'. Das gab es alles zusätzlich zum eigentlichen Geld fürs Aufstellen, das erst 10 Mark, später 12 Mark für den Abend betrug und zwei bis drei Stunden dauerte. Viel Geld damals für einen Jungen, der noch zur Schule ging. Und, wenn noch Zeit dafür war, brachten sie mir noch das Kegeln bei. Unter den Augen der wirklich guten Kegler durfte ich dann ran, es gab Tipps und Hinweise von allen Seiten. Ich war aufgeregt und nervös, lernte jedoch jede Menge vom Kegeln, insbesondere eben auf einer Scherenbahn. Davon zehrte ich später als Erwachsener sehr, wenn ich an anderem Ort beim Kegeln dabei war. Als Kegeljunge ging ich nach jedem Abend für damalige Verhältnisse und für einen Jungen ,reich' nach Hause. Das hatte ich mir verdient, nicht zugesteckt bekommen von der Verwandtschaft, wie das heute so üblich ist. Ach so, bevor es losging, mußte ich als Kegeljunge die Kegelbahn auch bohnern. Das war ziemlich heikel. War sie zu stumpf, drehten die Kugeln zu rasch in die Rinne, war sie zu glatt, rauschten die Kugeln geradeaus und nicht dahin, wohin sie sollten. Doch das hatte ich bald gut raus, kegelte selbst noch schnell ein paar Minuten zur Probe, bevor die Kegler kamen.

Der damalige Betreiber der ,Wilhelmshöhe' hieß meines Wissens nach Alfons Möllhoff, der auch auf der eigenen Bahn mitkegelte. Ihn habe ich in Erinnerung, daß er die dicken Kugeln - es gab wie heute auch unterschiedliche Größen - wie aus der Hüfte abfeuerte und krachend auf die Kegelbahn beförderte. Da hieß es als Kegeljunge besonders auf der Hut zu sein, wenn sie in die aufgestellten Kegel einschlugen.

Genug davon. War eine tolle Zeit. Inzwischen wohne ich an der Ostsee, komme öfter nach Essen-Schönebeck und -Borbeck zu Besuch. Wenn ich an der ,Wilhelmshöhe' vorbeifahre, denke ich gerne an diese Zeit zurück.

Zum Foto oben: Auf dem Weg zur Kirche bin ich der kleine, der schmächtige Junge. Neben mir mein Freund Siegfried, der diesen Namen rein figürlich schon verdiente, war allerdings auch fast zwei Jahre älter als ich. Das Bild wurde am Westerberg gemacht. Linker Hand liegt der Schlosspark.

Wolfgang Brammen wurde 1942, also mitten im Krieg, im Rheinland, nicht weit weg von Aachen geboren. Über mehrere Stationen und Regionen – und zwei Schulen – landete Brammen 1952 durch den Beruf des vom Krieg heil zurückgekehrten Vaters in Essen. Es folgten weitere Schulzeit, Berufsausbildung und Verbleib in der Ausbilungsfirma in Rüttenscheid bis 1970. Dann verschlug es ihn aus beruflichen Gründen an die Ostsee, nach Kiel, wo er bis zum heutigen Tag wohnt. Seit 1970 verheiratet. Brammen: "Immer noch mit derselben Frau". Er engagiert sich in Kiels Kulturwelt und schreibt hin und wieder selber Bücher.

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Kommentare

Kommentar von Wolfgang Brammen ..... der ehemalige Kegeljunge :-) |

Nachdem meine Erlebnisse als Kegeljunge im Internet auf ein überraschend
reges Interesse stießen, kramte ich noch mehr in meinem Kegeljungen-Gedächtnis.
Und das kam dabei heraus:

Bei den besseren Kegelvereinen wurde auch immer eine sogenannte "Königspartie" gespielt.
Das waren 5, 6 oder auch mal mehr verschiedene Kegelbilder, deren Aufstellung und Reihenfolge
der Kegeljunge natürlich auswendig kennen mußte, als da waren „Kranz“, „Stumpfe Acht“, „Bauern“,
„Mittlere Drei“, „Damen“ und noch andere, deren Namen ich nicht mehr weiß. Dazu gab´s aber
auch Jux-Stellungen, wie z. B. „mit Mütze“. Dabei wurde dem Vorderholz eine Blechbüchse
aufgesetzt – es gab ja keine Schnüre – , die nicht getroffen werden durfte bei den zwei anstehenden
Würfen. Geschah das doch, was nicht zu überhören war, war der Jubel groß, denn der Unglücksrabe
hatte eine Runde am Hals. Bei „meiner“ Bahn gab´s noch eine ganz spezielle Besonderheit, bei den
Keglern sehr beliebt: Mit einer großen Rollade konnte die Bahn vom Raum abgetrennt werden, damit
bei anderer Nutzung des Raumes die Kegelbahn keine Rolle mehr spielte. Die Rollade wurde so weit
heruntergelassen, daß nur noch die dickste Kugel durch einen schmalen Spalt durchpaßte. Zwei Wurf
waren angesagt. Der Kegler sah nichts, hörte nur die Kugel einschlagen, wenn´s kein Pudel war, und
mußte rein nach Gehör schätzen, was wohl für den zweiten Wurf stehengeblieben war. Sich auf den
Bauch legen und durch den schmalen Spalt unter der Rollade hinduchzuspähen, war natürlich
strengstens untersagt.
Als Kegeljunge hatte man also genug zu tun und war auch stolz darauf, von den erwachsenen Männern
voll respektiert und anerkannt zu werden. Was sich natürlich auch in der für einen Schuljungen
geradezu fürstlichen Deputatzuteilung (Sinalco, Schokolade, Kanold-Bonbons) und Bargeldentlohnung
(10 - 12 Mark pro Abend) bemerkbar machte.

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