Als die Franzosen kamen, lief im Kino "Der Erbe des Harems"

1 11.01.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die in der damals weit verbreiteten Essener Volkszeitung erschienen.

Essen unter französischer Oberherrschaft.

Der Anmarsch der französischen Besatzungsarmee erfolgte, wie zu erwarten war, auf breiter Operationsbasis. Nach 9 Uhr fingen die Franzosen Essen kriegsmäßig zu umzingeln an. An dem Vormarsch gegen Essen nahmen Truppen aller Waffengattungen teil. Die Spitze der Truppen war gesichert durch eine größere Anzahl Panzerautomobile und Maschinengewehren. Alle Zeichen militärischer Machtentfaltung waren aufgeboten. Die Bevölkerung in den äußeren Bezirken Essens schenkte dem Vormarsch keine Beachtung. Die Straßen sind leer. Die mesietn Geschäfte sind dgeschlossen. Die Besatzung scheint eine Stärke von 8000 bis 10000 Mann zu haben. Der kommandierende französische General de Goutte hat eine Bekanntmchung anschlagen lassen, wonach der Belagerungszustand über unsere Stadt verhängt ist.
(EVZ vom 12. Januar 1923)

In einem von nationalem Pathos durchdrungenen Aufruf wandte sich Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) am Tag nach der Besetzung des Reviers an das deutsche Volk. Darin hieß es:

Ein neuer Gewaltstreich ist auf Deutschland herniedergegangen. Mit wohlberechneter Wucht trifft der Schlag der französischen Faust den unbeschützten Lebenspunkt der deutschen Wirtschaft, längst vorhergesehen und doch unerwartet. (...)

"Die schwerste Schuld am eigenen Volke würde auf sich laden, wer sich hinreißen ließe, durch eine unüberlegte Tat dem Gegener in die Hand zu arbeiten. Von der eisernen Selbstbeherrschung eines jeden einzelnen hängt das Wohl und Wehe der Gesamtheit ab", mahnt Ebert zur Besonnenheit.

Ebert weiter: "Den treuen rheinisch-westfälischen Brüdern gilt heute vor allen anderen unser Gruß. Ihr werdet eisenfeste Zähigkeit bewahren, die Euer altes Erbteil ist und ungebrochen werdet Ihr diesen Wetterbraus überdauern. Ihr, die kein Sturm der Weltgeschichte jemals entwurzelt hat! Ihr seid Zeugen, wie Recht und Frieden von neuem gebrochen werden. Mit Euch erheben wir Protest vor der Welt gegen den Bruch des Vertrages, gegen den schwereren Bruch des sittlichen Rechtes unseres Volkes auf Leben, Bestand und Selbstbestimmung."

Über den steigenden Brotpreis meldet die Zeitung:

Infolge Erhöhung des Preises für rationiertes Mehl um über 100 Prozent ist eine erhebliche Erhöhung des Brotpreises nötig geworden. Höchstpreise für Weizenbrot sind nicht mehr festgesetzt, weil die Herstellung dieses Brotes infolge der außergewöhnlich geringen Zuweisung an Weizenmehl nicht mehr möglich ist.

Der kommandierende General der französischen Besatzungstruppen suchte am Tag des Einmarsches den Essener Oberbürgermeister Dr. Luther auf und machte dabei klipp und klar, wer von nun an in der Kruppstadt das Sagen hatte. Luther teilte über diese Begegnung der Stadtverordnetenversammlung laut EVZ kurz darauf folgendes mit:

"Der General hat dann besonders den französischen Obersten vorgestellt, der für die Polizeiangelegenheiten innerhalb der Stadt Essen zuständig sei und darauf aufmerksam gemacht, dass alle Dinge, die sich im Einvernehmen mit dem Obersten vollziehen, gut, dagegen Dinge, die sich nicht in diesem Einvernehmen vollziehen, schlimm sein würden." Eine unverhohlene Drohung.

Auch Schloss Borbeck findet am 12. Januar 1923 Erwähnung in der EVZ, wenn auch nur in einer kurzen Notiz, deren Bedeutung sich uns heute nur schwer erschließt:

Der für das Jahr 1922 mit der Stadtverwaltung vereinbarte freie Dienstag kommt für das Jahr 1923 in Wegfall.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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Kommentare

Kommentar von Jonathan |

Interessante Aspekte sind das mal wieder;)

Jonathan

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