Der Kruppianer wird ärgerlich "Zum Tod ärgern wie hier das Geld weggeschmissen wird - es hat hier keinen Werth"

"Wie einst im Mai": Ein Briefwechsel von Eheleuten anno 1910 - eine Serie von Reinhilde Willwerth und Susanne Hölter/Letzter Teil

0 23.05.2021

111 Jahre alt ist der Briefwechsel zwischen Adam und Anna Theisen. Der Kruppianer weilte zur Kur in Bad Nauheim, seine Frau versorgte zu Hause die sieben Kinder. „Wenn Du das hier sehen könntest, du würdest blind!“ schwärmte Adam Theisen in den ersten Briefen über das mondäner Leben in Nauheim. Nun, nach wochenlanger Kur, sehnt er sich zurück nach Frau und Kindern und mokiert sich über die Verschwendungssucht des Bürgertums. Für Adam ist das Leben kein Zuckerschlecken und trotzdem hört man keine Klage. - Die Kur bringt für den Familienvater keine Linderung. Als er zurückkommt, ist er ebnso krank wir vorher. Die Firma Krupp bietet ihm eine leichtere Arbeit an und Adam übernimmt eine Trinkhalle für die Kruppschen Fabriken. Trotzdem stirbt er schon bald nach seiner Rückkehr einen Herztod. Seine Frau Anna muß nun die Kinderschar alleine groß ziehen. Auch sie beginnt bei Krupp zu arbeiten. Sechs Tage in der Woche putzt sie Fenster in den Fabriken.

Nauheim den 20 Mai 1910

Euren Brief und die Karte von Werden habe ich erhalten. u. gesehen das Ihr Euch Pfingsten gut amüsiert habt, was mich sehr gefreut hat.

Ich hab wenig davon gehabt; ich war nicht ganz gut u. es war hier sehr warm. Wir haben jetzt eine Hitze, wie sie selten im Hochsommer ist. Es wird hier schon Heu gemacht. Ich habe jetzt Bescheit mit dem Masieren, der Maßeurwar heute schon deßhalb bei mir. Morgen früh um ½ 6 die erste Massge. Ich habe auch heute wieder andere Bäder bekommen 6 Stck. jedes wieder 2 M.10. Und jede Masage mindestens 2 M. Ich bleib bestimmt bis 6. Juni hier. Ich habe jetzt 18 Bäder weg. Die neuen Bäder reichen bis Mittwoch. Dann bekomme ich andere. Das sind Sprudelbäder wie die andern aber aus einer anderen Quelle N.XIV noch mehr Kohlensäure enthalten.

Es ist jetzt Morgen 20 Minuten nach 5 Uhr ich wurde massierd, zu erst das rechte Bein, dann das linke Bein, dann den rechten Arm und dann den linken. Dann zu dem Bauch gelegt. Dann wurde an die Beine und Arme gegangen, dann den Rücken, dann wieder umgelegt, die Brust u. um das Herz herum.

Wie der fertig war, war ich auch fertig. So schlapp und so weiß wie Kalk. Fühl mich aber jetzt augenblicklich sehr wohl. Darauf wollen also Erfolg abwarten, immer das beste hoffen. Ich habe von Elberfeld auch am Dienstag eine Karte erhalten. Ich werde deßhalb Antwort hinschicken. Von Herbstein noch keine Antwort. Was macht Christinchen ist sie gut aufgehoben und das will ich doch wohl hoffen. Und die anderen hören doch auch noch. Sontz, wer nicht hören will, der muß fühlen. Ich werde Anna auch jetz eine Karte schicken, aber die schönste die ich in Nauheim bekommen kann. Und dann Jettchen eine aber eine ganz Schöne.

Es wird hier einem bald leid. Immer dasselbe sehen nur immer ein anderes Straßenbild. Alles was jetzt kommt bringt auch andere Mode mit. Zum Tod ärgern wie hier das Geld weggeschmissen wird, was wir so sauer verdienen müssen. Es hat hier gar keinen Werth.

Wir haben am Donnerstag auch Prozession, die werde ich mit machen. Ihr macht sie ja auch alle in Essen mit, nur macht eure weißen Kleider nicht schmutzich. Denn es wird in acht Wochen nicht gewaschen, also nichts da, ab da.

Ich schließe in der Hoffnung, das Euch der Brief gesund und munter antrifft, wie er mich verlassen hat. Es ist jetz 7 Uhr, u. gehe zum Frühkonzert. Das haben wir noch frei. Die anderen müssen wir bezahlen u. da haben wir kein Geld für. Also auf Wiedersehen am 5. oder 7. Juni in Essen.

An Fränzchen: Jeden Morgen hat es hier Maikäfer geregnet zu Tausenden liegen sie auf der Erde zu ekeln an zu sehen, Schluß.

Habe die 10 Pfg. Kaufe Euch am Donnerstag Pfefferminz für. Es grüßt Euer Mann und Vater

Adam

Essen, den 25.Mai 1910

Lieber Gatte und Vater

Deinen lieben Brief haben wir erhalten u. daraus ersehen, daß du noch ziemlich wohl bist daß es Dir nach der Massage so wird daß habe ich mir wohl gedacht denn im Geiste habe ich die Massage mit durchgemacht denn ich weiß doch genau wie es dir immer ist, wie geht es dann jetzt kann Du es denn jetzt besser überstehen. Aber nur Muth gefaßt in 12 Tagen bist du ja wieder in Essen bei deinen Lieben. Die Kinder zählen jeden Tag wie viele Tage Du noch ausbleibst u. freuen sich. Jettchen will den Papa aber im Zug abholen gehen. Wie ist das Wetter in Nauheim hier war es die ganzen Tage immer sehr heiß u. helle Sonne. Heute Morgen ist der Himmel ganz bedeckt u. auch wieder ganz kühl. Es wird wohl wieder bis morgen u. dann regnen, es wäre doch schade unser Jettchen hat auch schon Kringelkes auf dem Kopf wenn das doch der l. Papa mal sehen könnte wie Jette morgens son schönes Engelchen ist u. die anderen auch alle wenn der Papa aber wieder zu Hause ist, dann gehen wir aber auch spazieren.

Ich war am Sonntag noch mal mit Anna u. Elisabeth u. Maria in Werden da konntest du was sehen. Ein Betrieb, kaum über die Brück war zu kommen, auf der Brück hörten wir schon, daß die Kirche überfüllt wäre u. richtig wie wir hin kommen war dieselbe zugeschlossen u. es wurden keine mehr herein gelassen u. ein Fackl an der anderen um die Kirche u. elektrische Flämmchen in allen Farben es ist des Abends großartig gewesen.

Wir trafen auch die Familie Wilhelm Schmelter viele Grüße schicken Sie Dir u. Familie Miebach läßt Dich vielmals grüßen u. sie schickt Dir fünf Freimarken.

Zurück von Werden sind wir dann wieder bis zur Fähre u. dann den Markenweg nach Essen kamen an Wirthschaft Real u. dann den Kruppschen Wald durch zur Essener Chaussee nach Hause um 9 ¼ Uhr weg. u. um ¼ neun zu Hause da waren wir doch gut gelaufen nicht wahr, kannst Du auch wohl wieder so Touren machen, wie würde ich mich freuen.

Aber jetzt zum Schluß morgen ist Fronleichnam u. es ist heute noch viel zu besorgen.

Sei herzlichst gegrüßt u. vielmals geküßt von

Deiner Frau u. Kindern

Wo doch der l. Papa nicht alles dran denkt auch an Pfeffermünzchen. Aber, daß die Kinder nicht schmutzig werden sollen werden das ist doch sehr viel verlangt daß wird doch wohl nicht anders gehen.

Aber mit Sehnsucht wartet Anna auf die schöne Karte. Wenn Jettchen den Briefträger sieht dann sagt sie meine Karte noch nicht gekommen.

Nauheim, 28. Mai 1910

Liebe Frau und Kinder

Das wird wohl der letzte Brief sein, den ich aus Nauheim an Euch schicke. Ich bin es auch wirklich leid, nun müß Ihr aber nicht denken, ich wär es allein, nein es geht hier jedem so. Wenn man so weit von zu Hause fort ist, dann ist das schon keine Freude mehr – auch wenn man sich freut.

Ich habe noch 6 Bäder zu machen. Dann bin ich hier vertig. Das ist am Freitag. Ich fahre am Samstag um 7.48 Uhr fort über Frankfurt bin dann Nachmittags schon bei Euch. Eine andere Strecke geht nicht. Also ganz bestimmt am nächsten Samstag bei Euch.

Ich bin es auch wirklich satt. Denn so was hat man noch nicht gesehen viel weniger noch in Essen u. da geht es auch, auch schon hoch her, aber nicht so wie hier. Jeden Tag 2 mahl ein anderes Kostüm an u. mit einem anderen Hut. Es ist zum Haare ausreißen. Doch es ist nichts da zu machen. Das Geld hat hier keinen Werth. Es geht hier gerade wie zum Heiraten, immer das Portemonnaie in der Hand halten. Es hat gar keinen Werth, das Geld. Außerdem schreibe ich dir noch auf, wann ich in Essen ankomme, möglich das Du entgegen kanz kommen. Na, ich hoffe jetzt immer noch das beste. Es ist hier sehr heiß. Ich kaufe hier keine Andenken. Das kostet viel Geld und ist nichts. Habe von Herbstein noch keine Antwort schreibe also auch nicht mehr hin. Also bis zum 4. Juni.

Es grüßt

Adam Theisen

Essen, den 31.5.1910

Lieber Gatte und Vater!

Gerade denke ich soll auch wieder unser Vater schreiben u. herin tritt der Briefträger nun geht es nicht eilig genug kann ich den Brief öffnen, denn jeder will zuerst wissen, was der Papa schreibt u. klein Jettchen frägt ist auch Pfennig drin? Oh, Jammer – kein Pfennig drin u. es fühlt auf einmal daß sie nach Schlaf hat u. schlä#ft auch noch bis 10 Uhr aber Jettchen doch mitgehen und Papa abholen. Wenn es dir recht ist, komme ich dir bis Steele entgegen gefahren. Du kommst doch dieselbe Strecke zurück wie du hingefahren bist nicht wahr.

Wie ist es eigentlich mit dir lieber Mann bis du dicker o. magerer geworden. Du hast in keinem Brief davon bemerkt, gespannt bin ich auch wie Kinder wie du wohl aussiehst. Schreibe mir bitte das Nähere wie du fährst um um wie viel Uhr du wohl hier ankommst. Und mit den Andenken kaufen, da hast du recht das lasse wenn du früh genug hier bist können wir ja am Hauptbahnhof aussteigen u. durch die Stadt gehen.

Lebe wohl und auf ein freudiges Wiedersehen am Samstag u. sei recht herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner sich sehr nach dir sehnenden

Frau u. Kinder

Viele Grüße von Frau Pardun u. sollste recht gesund u. wohl nach hier zurückkommen.

"Fränzchen", Franz Theisen, so wie er vielleicht noch einigen Borbeckern in Erinnerung ist. Er liebte - genau wie sein Vater Adam, die Natur, die Vögel und achtete Frau und Kinder.

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